Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das literarische Weihnachtskabinett - Teil 3

Gestern morgen haben wir mit dem schlesischen Dichter Andreas Gryphius angefangen, der in der Intensität eines barocken Sonetts gleichsam concertierend ausruft: "Nacht, lichter als der Tag!". Kaum größer könnte der Kontrast sein im zweiten Text des gestrigen Tages: Heinrich Heine, wie gewohnt (und wohl auch nicht unbegründet) leidend, verspricht seinem Freund Moser sozusagen als Weihnachtsgeschenk, dass er sich nicht umbringen werde. Diese "Weihnachtseinsamkeit" ist vielen Menschen nicht unbekannt, ich habe das bei meinen Gesprächen in den letzten Tagen oft gemerkt. Mit einem wunderschönen Gedicht von Mascha Kaleko gehen wir heute morgen dieser "Weihnachtseinsamkeit" noch etwas nach. Mascha Kaleko, 1907 als Kind jüdischer Eltern in Galizien geboren, hat es in ihrem ersten Gedichtband "Das lyrische Stenogrammheft" im Januar 1933 veröffentlicht.

Lediger Herr am 24. Dezember

Keines andern Zimmer ist so leer
Wie meines jetzt. Die letzten Ladenmädchen gehn nach Haus
- Nun fällt auch über mich die Weihnacht her.

Familienglück ... Ich mache mir nichts draus.
Doch niemals noch war Einsamkeit so schwer -.
Den stummen Raum durchschreit ich kreuz und quer,
Lacht mich nicht dort die Mona Lisa aus?

Wie traurig so ein Schreibtischwecker tickt.
Langsam bimbamt die Glocke. Einer singt "Stiille Nacht ...!"
- Zu Hause haben sie meiner gedacht
Und nußbraune Heimat-Kuchen geschickt,
Seidne Krawatten und einen Schal, von der Mutter gestrickt.

Nun also bin ich bei mir selbst zu Gast,
Ein lediger Prokurist in Gruppe sieben
Und teilmöbliert. - Es scheint mir fast,
Ich hab den Familienanschluß verpaßt
Und bin so übriggeblieben -.

Die Stube gähnt. Versuchsweise fällt schon Schnee,
Ganz unvermittelt grünt mein Tannenbaum,
- Vielleicht, daß ich fern von Lamettaschaum
Durch weiße wattige Straßen geh,

Fremde Türen zu spüren,
Einsam aus kahl vergeßner Allee
In ferne Fenster zu stieren ...

Das Licht verlischt. Noch immer fällt der Schnee.
- Man wird so scheußlich leicht sentimental.
Ein Schnaps wär gut. Ein höllischer Kaffee.

Man blickt ins totenleere Stammlokal
Und sagt geniert zum einsamen Portier:
"Heut nicht. Gutnacht. - Vielleicht ein andermal ..."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen