Samstag, 28. Januar 2012

Thomas von Aquin: Das Auge des Adlers

"Mag auch das Auge des Nachtvogels die Sonne nicht sehen: Es schaut sie dennoch das Auge des Adlers."


Das Bild zeigt eine Figur des hl. Thomas von Aquin um 1480 in der ehemaligen Dominikaner- und heutigen Propsteikirche in Dortmund.
Zum heutigen Gedenktag ein Ausschnitt aus dem Vorwort von Josef Pieper zu seinem Buch "Ordnung und Geheimnis" aus dem Jahre 1946. In diesem "Brevier der Weltweisheit" stellt der bedeutende Philosoph und hervorragende Thomaskenner Pieper insgesamt 556 Zitate des hl. Thomas inhaltlich und thematisch strukturiert vor. Dieses Buch ist auch heute noch wirklich lesenswert!

Aus dem Vorwort:
"Ordnung und Geheimnis - dieser Titel des Buches bedarf noch eines erläuternden Wortes. Es ist fast zum Gemeinplatz geworden, dass 'ordo' eine Grundkategorie mittelalterlichen Denkens darstelle, vor allem aber des 'Systems' des Thomas von Aquin. Ordo: damit ist ausgesagt das klar und einleuchtend Gestufte der Wirklichkeit wie der sie spiegelnden Lehre; die unserem Geiste Genüge tuende Überschaubarkeit und Durchsichtigkeit des Seinsgefüges; die unserem Denken gangbaren und gebahnten Wege der Welt. Und in der Tat wird niemand, der nur ein Weniges der 'Theologischen Summe' in sich aufgenommen hat, sich völlig dem kühlen Zauber verschließen können, mit dem solche baumeisterliche Kraft der Weltaufhellung die nach Klarheit verlangende Vernunft berührt.
Und dennoch wird dem Thomas von Aquin nicht gerecht, wer diese scheinbar zu gänzlicher Einsichtigkeit gedeutete Welt nicht an allen ihren Rändern von der Unwegsamkeit des Geheimnisses umgeben sieht. An ihm findet, nach des Thomas Meinung, die Durchsichtigkeit der Seinswirklichkeit nicht allein ihre Grenze: der ordo selbst ist vom Geheimnis durchwirkt und durchkreuzt. Und es ist nicht allein das Mysterium im theologischen Sinne, das sich, gleichfalls die ganze Welt in allen ihren Bereichen durchströmend, dem Zugriff unseres ordnenden Denkens und dem Versuch der rationalen Bewältigung widersetzt. Nein, jene Grenzlinie verläuft mitten durch diese 'diesseitige' Welt selbst; nicht einer einzigen Mücke Wesen habe, so sagt Thomas, die Denkbemühung der Menschen zu erspüren vermocht."

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