Montag, 9. April 2012

"Die immer in die Kirche rennen, sind auch nicht besser!"

Dieser Spruch stimmt. Zumindest seit meinem Erlebnis heute morgen. Familiäre Gründe verschlugen mich heute ins Hochamt in eine Gemeinde im Dortmunder Osten. Es war auch sehr schön, mein ehemaliger Heimatpfarrer wirkt dort als Subsidiar und so war die Messe mit mancher Erinnerung gefüllt.
Am Ende der Messe, wir wollen gerade gehen, deutet eine ältere Frau wild gestikulierend auf die Sitzkissen, die man beim Hinausgehen wieder in die dafür vorgesehenen Behältnisse legen soll. Ich denke mir dabei nichts weiter, war ich doch für die Rückgabe der Gesangbücher zuständig, meine Begleitung für die Sitzkissen. Daraufhin fängt die ältere Frau an, mich im Windfang der Kirche vor allen Leuten wild zu beschimpfen: Da sei ich ja genau der Richtige, Kissen nehmen und nicht zurückzulegen, das wäre eine Unverschämtheit usw. Ich war erst etwas verdutzt und bin dann hinter der Frau her um sie zur Rede zu stellen. Die Frau läuft los, immer noch schimpfend, ich hinterher. Ich fasse sie etwas unsanft an der Schulter um sie aufzuhalten. Daraufhin bedroht sie mich mit Gesangbuch und Taschenschirm. Ich sage, zugegeben mit etwas verstärkter Stimmlage, dass das mit den Kissen Unsinn sei und was ihr denn einfiele, mich zu beschimpfen. Sie hört aber nicht auf zu keifen. Ich, im Bewusstsein aller erlernten Gesprächs- und Deeskalationsstrategien:" Sie haben wohl nicht alle aufm Christbaum, Sie sind ja völlig bescheuert!!!"
Die Frau verlässt fluchtartig den Kirchplatz. Die anderen Leute, die aus der Kirche kommen, lassen den Mund offen stehen.
Jetzt mache mir bitte niemand den Vorwurf, ich hätte anders reagieren sollen. In der Theorie hört sich sowas nämlich immer prächtig an. Aber denjenigen, der in der Praxis völlig reflektiert sagt: "Ich höre da bei Ihnen so eine Spannung heraus..." habe ich noch nicht getroffen.
Solche Kirchenblockwarte wie diese Frau begegnen einem häufiger: Immer dort, wo man fremd ist und sich vielleicht auf einen Stammplatz setzt, sich bei der Kommunion nicht richtig einzureihen weiß, irgendwo einen Moment länger stehen bleibt oder das Geld für die Opferkerze nicht sofort parat hat. Eben immer dann, wenn einmal etwas anders ist als gewohnt. Und sie meinen, sie wären die Frömmsten, Gehorsamsten, Demütigsten, Katholischsten, Rechtgläubigsten, Kirchenrettendsten und hängen der Gottesmutter am Rockzipfel...
Der Pfarrer hat noch anläßlich der Emmaus-Geschichte übers Einladende des Glaubens gepredigt...  

Kommentare:

  1. Auch Backe... das ist immer genau meine Horrorvision: Vor allen Leuten das Opfer so einer Tabernakelschwalbe mit Gnadenvergiftung zu werden. Ich kann die Reaktion verstehen. Gegen so ein keifendes Wesen kann man sich nur durchsetzen, wenn man ihm/ihr laut und deutlich sagt, daß sie nicht richtig tickt oder frankophil-westfälisch ausgedrückt: "Malheur de la blesse"
    Übrigens: Diese durchgeknallten Geschöpfe gibt es einheitlich im ordentlichen wie im außerordentlichen Ritus...

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  2. Das Thema als solches sehe ich zwar genauso kritisch, und ich wundere mich immer sehr über ein solches in meinen Augen nicht stimmiges Verhalten von vermeintlich "guten" Katholiken. Das ist irgendwo auch die Sache mit den Splittern und den Balken.

    Allerdings gibt es ja nicht nur Schwarz und Weiß, und zwischen "Ich höre da bei Ihnen so eine Spannung heraus..." und "Sie haben wohl nicht alle aufm Christbaum, Sie sind ja völlig bescheuert!!!" gibt es doch sicherlich noch mehr Alternativen, oder?! Christus hat uns sogar aufgefordert, die andere Wange hinzuhalten... gerade an Ostern sollte doch etwas mehr Frieden herrschen, und nur zu sagen, der andere hat angefangen, der andere ist schuld, der ist blöd, das kann's in meinen Augen auch nicht sein.

    Insofern finde ich auch den Kommentar mit dem Ausdruck "Tabernakelschwalbe mit Gnadenvergiftung" mehr als befremdlich.

    Ich weise freundlich darauf hin, dass der Kommentarschreiber auf mich keinen besseren (bzw. was wichtiger wäre: christlich-katholischeren) Eindruck hinterlässt als besagte ältere Dame, Splitter und Balken halt, immer wieder dasselbe, leider... :-(

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  3. Wir sind allzumahl arme Sünder. Aber in Westfalen (ich glaube auch in Bayern) pflegt man nun einmal etwas rustikalere Umgangsformen. Da ist nicht alles gleich eine Beleidigung, was nach einer solchen laut Duden riecht. Die schlechteren Katholiken sind wir (hoffe ich) deshalb bestimmt nicht.

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  4. Sorry, aber „Tabernakelschwalbe mit Gnadenvergiftung“ find ich ebenfalls unangebracht. In mancher Leute Augen genügt übrigens bereits der tägliche Meßbesuch, um in diese Kategorie einsortiert zu werden. Die Kirche empfiehlt diesen aber sogar den Gläubigen. Das kann es doch wohl nicht sein.

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  5. Vielleicht können wir die "Tabernakelschwalbe" ja aus der Welt schaffen, denn so ähnlich wird man sich ja die Prophetin Hanna am Lichtmesstag auch vorstellen müssen. Ich habe die Geschichte gestern einer evangelischen Kollegin erzählt. Sie bestätigte, dass mir das in einer evangelischen Kirche genauso hätte passieren können. Also scheint es auch "Kanzelschwalben" zu geben. Aber ernsthaft: Natürlich hätte ich der Frau auch einfach "Frohe Ostern" wünschen können. Habe ich aber nicht und es wäre auch nicht ehrlich gewesen.
    Was micht stört, ist, dass der Glaube nicht im Herzen ankommt, dass alle Worte von "Gastfreundschaft" oder "Barmherzigkeit" ganz schnell vergessen sind, wenn es darum geht, die "Ordnung" zu halten. Ganz abgesehen vom rein bürgerlichen Anstand, Unbekannte nicht in der Öffentlichkeit zu beschimpfen. Was wäre denn gewesen, wenn ich mir nach langer Zeit überlegt hätte, mal wieder zur Kirche zu gehen und dann so behandelt worden wäre? Ich würde da keinen Fuß mehr reinsetzen und zwar zu Recht. Nein, "Kirchenblockwarte" brauchen wir wirklich nicht.
    Ich glaube aber, dass wir wieder echte "Ostiarier" brauchen, Menschen, die an der Schwelle stehen, die gleichzeitig Hütende und Einladende sind. Wenn das ein positiver Gedankenimpuls aus der Geschichte wäre, hätte das Ganze doch einen Sinn gehabt!

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  6. Zu Ostiariern, Zustimmung. In Italien gibts oft Männer, die einer dieser Bruderschaften angehören, die in der Kirche ein wenig auf Ordnung halten. Ich wollte das Verhalten der Frau nicht gutheißen, das war sicher übergriffig und von der Form her wenig schön, sondern hab mich nur gegen die Richtung gewandt, die die Diskussion durch die Verwendung des monierten Begriffs bekommen hat.

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  7. Ich gebe mich geschlagen! Der Berufswestfale nimmt die Tabernakelschwalbe hiermit zurück! Zu meiner Verteidigung möchte ich aber anmerken, daß ich damit weder die Prophetin Anna noch andere Heilige bzw. verehrungswürdige Personen gemeint habe, sondern ausschließlich jene hier sowieso nicht lesenden und schreibenden "Biester", die jeder von uns kennt. Im übrigen: Es gibt auch männliche Schwalben...

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    1. Mein theologisch-ornithologisches Lexikon kennt übrigens noch die "Opferstockente", die "Kniebankkrähe", den "Weihwassertreter" und den "Gesangbuchfink" ;)

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  8. Ja, hättste ihr mal einfach nur Frohe Ostern gewünscht... christlicher/katholischer als Auge um Auge...

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    1. Genau! Immer fröhlich geistbewegt, dankbar für die bewegende Begegnung, verständnisvoll mit einem Lächeln das von oben kommt...

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  9. Es gibt eben Situationen, in denen nur Heilige nicht ausrasten würden. Da es aber nur drei Arten von Menschen auf der Welt gibt, nämlich Heilige, Scheinheilige und Kleinenberger, wird es eben oft schwierig. Ich gebe zu: ich bin ebenfalls (Gottlob) kein Kleinenberger und (leider) kein Heiliger...

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    1. Nun war ich schon ein paar Mal in Kleinenberg, sogar zu Fuß von Paderborn aus. Aber der Kontakt mit den Einheimischen war doch eher gering. Deshalb die neugierige Frage: Was macht denn den Kleinenberger zum Kleinenberger???

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