Dienstag, 15. Mai 2012

Die Jungfräulichkeit der Kirche

"In der Theologie gilt der Satz: 'Was über Maria gesagt wird, gilt auch von der Kirche' (Maria significat ecclesiam). Denn Maria ist der Ursprung, das Urbild und das Vorbild der Kirche. Sie ist die erste Glaubende des Neuen Bundes, die erste, die auf Gottes Neuanfang in Jesus mit den Worten einer Glaubenden reagiert: 'Mir geschehe nach deinem Worte.' Demgemäß ist also auch die Kirche 'jungfräulich'. Ein schönes Bild - aber doch weit entfernt von dem, was man an der Kirche sieht. (...)
Die Kirche als Institution und Gemeinschaft darf sich nicht so erhalten wollen, wie es Institutionen und Gemeinschaften normalerweise tun. Wie sich Institutionen normalerweise selbst erhalten, ist bekannt. Viele nehmen sich heute zum Beispiel Unternehmensberater, um ihren Erfolg und ihre Zukunft zu sichern. Man versucht, in der Konkurrenz mit anderen Institutionen (Parteien, Firmen, Universitäten, Verwaltungen) den erfolgreichsten Weg einzuschlagen. In der Kirche, die sich als 'jungfräulich' versteht, sollte das nicht so sein. Wenn sich eine Kirche eine Unternehmensberatung nimmt, wenn sie sich in der Konkurrenz mit anderen religiösen Anbietern profilieren will, wenn sie ihre interne Struktur allein nach Kriterien der Effizienz gestaltet, hat sie ihr Wesen als 'jungfräuliche Kirche' offenbar nicht verstanden. Ihr, die sich auf den beruft, dessen 'Herrschaft kein Ende sein wird', sollte jede Art von Zukunftsangst fernliegen. Ihren Bestand sichert sie allein dadurch, dass sie das Wort Marias spricht: 'Mir geschehe nach deinem Willen.' Die Erforschung des Willens Gottes sollte ihre Hauptaufgabe sein; übrigens ist es die anspruchsvollste Aufgabe überhaupt, aber dafür hat die Kirche ja die Theologie. (...) Die Kraft der Kirche zeigt sich im Glauben der Christen, im Vorbild der Heiligen, in der Heiligkeit ihres sakramentalen Tuns. Darauf kann sie vertrauen, 'und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen' (Mt 16,18).
Die Jungfrau Maria ist Urbild und Vorbild der Kirche. Die vielen 'Sollens'-Formulierungen in den letzten Sätzen deuten darauf hin, dass sie von diesem Vorbild ziemlich weit entfernt ist. Eben deshalb ist es wichtig, an der Jungfräulichkeit Mariens festzuhalten: damit die Kirche weiß, was sie sein und tun soll."

aus: Thomas Ruster, Glauben macht den Unterschied - Das Credo, München 2012, 91ff.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen