Sonntag, 6. Mai 2012

Immer aktuell: Geringschätzung der Geistlichkeit

"Die Geringschätzung der Geistlichkeit (...) ist teils aus der Verweltlichung der höheren Geistlichkeit und der weitgehenden Deklassierung der niederen, teils aus alten heidnischen Instinkten zu erklären. Das unvollkommen christianisierte Volksempfinden hatte niemals ganz den Widerwillen gegen den Mann verloren, der nicht kämpfen durfte und keusch leben musste. (...) Die Entartung der Geistlichen selbst tat das übrige, und so hatten sich hoch und niedrig schon seit Jahrhunderten ergötzt an der Figur des unkeuschen Mönchs und des schmatzenden feisten Pfaffen. Ein latenter Haß gegen die Geistlichkeit war immer vorhanden. Je heftiger ein Prediger gegen die Sünden seines eigenen Standes wetterte, desto lieber hörte ihm das Volk zu. Sobald der Prediger gegen die Geistlichen zu Felde zieht, sagt Bernardinus von Siena, vergessen die Zuhörer alles übrige; es gibt kein besseres Mittel, die Andacht rege zu erhalten, wenn die Zuhörer schläfrig werden oder wenn es ihnen zu warm oder zu kalt ist. Alles wird dann sogleich munter und wohlgemut."

aus: Johan Huizinga "Herbst des Mittelalters". Über dieses 1923 erstmals erschienene Buch heißt es: "Das große Gesamtbild nordischer Spätgotik zählt zu den bedeutendsten Leistungen der Kultur- und Geschichtsschreibung, an wissenschaftlichem Rang, Glanz der Darstellung und Weite des Blickes nur den klassischen Werken Jacob Burckhardts vergleichbar."
Im Moment ist es meine Sonn- und Feiertagslektüre und ich finde, man sollte es unbedingt gelesen haben. Mit wohl kaum einem anderen Geschichtswerk taucht man so in die Welt des Mittelalters ein.
Und doch: Ist dieser o.g. Textauszug nicht faszinierend aktuell?

1 Kommentar:

  1. Absolut!
    Danke für den Hinweis auf diesen Klassiker, auf den ich schon vor über 30 Jahren aufmerksam gemacht wurde. Ich werde die Lektüre baldmöglichst nachholen!

    AntwortenLöschen