Donnerstag, 2. August 2012

Die Rede vom Gottesreich

"Eine rechte Rede vom Gottesreich muss Himmel und Erde mit einbeziehen. Lässt man den Himmel aus, begreift man weder recht, was Jesus erfahren und was ihn bewegt hat, noch erfasst man den Charakter von Gottes universaler Herrschaft. Heute hört man in Theologie und Kirche oft sehr matte und undeutliche Bestimmungen dessen, was eigentlich unter dem Gottesreich zu verstehen sei. Die Beziehung zwischen Jesus und dem Reich Gottes ist unterbelichtet. Möglicherweise scheuen Theologen und Verkündiger schon davor zurück, die Begriffe Herrschaft oder Reich in den Mund zu nehmen, haben diese doch einen schlechten historischen Leumund. Sie scheinen nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Da wird dann lieber davon gesprochen, Gottes Reich bedeute Gottes unüberbietbare, unwiderrufliche und unbedingte Nähe zu den Menschen. Aber das ergibt keinen Sinn, 'Herrschaft' und 'Nähe' sind nicht dasselbe; die Begriffe entstammen verschiedenen semantischen Feldern und lassen sich nicht aufeinander beziehen. Und überdies folgt die Rede von der unüberbietbaren, unwiderruflichen und unbedingten Nähe einer Überbietungslogik. Als ob vorher, nämlich in Israel, Gottes Nähe überbietbar, widerruflich und bedingt gewesen wäre! Das ist Unfug, sowohl in Bezug auf das Zeugnis der hebräischen Bibel wie auch in Bezug auf das nachbiblische Judentum, dessen Treue zur unwiderruflichen Bundestreue Gottes weggeredet wird. Wer so redet, profiliert das Christentum auf Kosten des Judentums, und das ist immer falsch."

Thomas Ruster geht mit der Dogmatik von Otto Hermann Pesch ins Gericht, in: Die neue Engelreligion, Kevelaer 2010, 86f.

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