Samstag, 29. September 2012

Ein vergessener Märtyrer: Bruder Wolfgang Rosenbaum OFM

Am 30. September jährt sich der 70. Todestag eines heute weitgehend unbekannten Märtyrers: Fritz Rosenbaum, mit Ordensnamen später Br. Wolfgang. Er stammte aus meiner Heimatgemeinde und wenigstens dieser Beitrag soll jetzt an ihn erinnern, denn in meiner Gemeinde ist morgen der übliche Familiengottesdienst mit den Kommunionkindern.

Aus seiner später verfassten Lebensbeschreibung: Fritz wurde am 27. Mai 1915 in Witten geboren. Sein Vater Ludwig, ein strenggläubiger Jude, besaß in der Bahnhofstraße ein gut gehendes Textilgeschäft. Seine Mutter Elli, geb. Marcus, war eine liebenswürdige und kontaktfreudige Frau. Nach Besuch der jüdischen Volksschule wechselte Fritz Rosenbaum 1926 zum Realgymnasíum, dem heutigen Ruhrgymnasium, das er jedoch 1930 wieder verließ, um eine kaufmännische Lehre in Dortmund zu beginnen. Durch seinen besten Schulkameraden und einen alten Freund der Familie begegnete ihm der katholische Glaube. Der Pfarrer von St. Josef, Johannes Rechmann berichtete, dass vor allem die Gespräche mit diesem älteren Freund der konkrete Anlass waren, sich mit dem Christentum intensiv auseinanderzusetzen. Obwohl ihm sein Vater gedroht hatte ihn, falls er katholisch würde, zu enterben, ließ er sich am 15. September 1933 von Pfarrer Rechmann heimlich taufen. Nach einer anderen Version hat ihn sein Vater sogar mit dem Tod bedroht. Kurz darauf wurde er am 8. Oktober 1933 durch Weihbischof Baumann in Witten gefirmt. Am Abend des Tauftages sagte Rosenbaum zu Pfarrer Rechmann: "Nun ist alles, aber auch alles gleich, wenn ich nur Jesus lieb habe'". Im Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch die Judenhetze in Witten. Hatte sich Fritz Rosenbaum schon in Vorahnung der kommenden Dinge von einem Privattrainer zur Selbstverteidigung das Boxen beíbringen lassen, wurde nun sein Vater wegen angeblichen Besitzes einer Pistole von der SA zusammengeschlagen und massiv bedroht. Um sich der entwürdigenden und ungerechten Gewalt zu entziehen, nahm er sich 1935 das Leben. Seine Mutter konvertierte ebenso wie ihr Sohn und wurde am 20. Dezember 1936 getauft. Nach ihrer Firmung 1939 in Köln verlieren sich ihre Spuren. Pfarrer Rechmann, selbst ehemaliger Franziskaner, konnte den jungen Fritz Rosenbaum für die Nachfolge des hl. Franziskus begeistern. Im Sommer 1938 führte er erste Gespräche in Werl. Kurz danach brach auch in Witten der Sturm der Reichspogromnacht los: Fritz Rosenbaum wurde blutig zusammengeschlagen, und als er erklärte er sei kein Jude, sondern Katholik, wurde er dennoch misshandelt. Er flüchtete sich in dieser Nacht erst zu Pfarrer Rechmann und dann zu einer befreundeten Familie in die Eifel. Nach langer Prüfungszeit wurde er endlich probeweise in den Franziskanerorden aufgenommen. Am 1. März 1939 kam er in das deutsche Kolleg St. Ludwig in Vlodrop hinter der holländischen Grenze, wo er am 3. Oktober 1939, dem Vigilfest des hl. Franziskus, unter den Ordensnamen Bruder Wolfgang in den regulierten klösterlichen dritten Orden des hl. Franziskus aufgenommen wurde. Doch auch nachdem er von dort in das Kloster Woerden bei Utrecht geschickt wurde, war er nicht vor Verfolgung durch die inzwischen in Holland einmarschierten Deutschen sicher. 1940 legte er in Woerden Profess ab. Seinen Brüdern war er ein Vorbild in Gebet und Lebensführung. Doch war er auch aufgrund seiner Herkunft unter den Mitbrüdern isoliert. Am 2. August 1942 wurde er verhaftet und in das Lager Westerbork gebracht. Hier könnte er zwischen dem 2. und 6. August 1942 auch Edith Stein, die ebenfalls in dieses Lager gebracht worden war, getroffen haben. In erstaunlicher Weise ähnelt sich ihr Lebensweg: Beide fanden aus dem Judentum zum Christentum, beide waren sie in einen Orden eingetreten, nun sollten sie auch das gleiche Martyrium erleiden: Edith Stein wurde am 9. August 1942, Bruder Wolfgang am 30. September in Auschwitz ermordet.
Am 30. Todestag von Bruder Wolfgang erklärte der damalige Pfarrer von St. Franziskus, Heinrich Keller: "Es bestehen auffällige Zusammenhänge zwischen dem Leben des hl. Franziskus und dem des Bruder Wolfgang. Beide hatten einen Textilkaufmann zum Vater, beide mussten sich mit dem Vater auseinandersetzen wegen ihres Gewissens, beide gaben ihr Hab und Gut der Kirche. In Witten wurde das Pfarrhaus und die Vikarie von dem Vermögen gebaut, das Bruder Wolfgang nach seinem Klostereintritt der Kirche geschenkt hatte."

Heute erinnert ein 1982/83 von Jupp Gesing aus Herne geschaffenes Glasfenster in der Pfarrkirche an ihn: In der rechten Fensterhälfte sieht man die Begegnung von Wolfgang Rosenbaum und Edith Stein. Die Bildunterschrift lautet. "Liebe ist größer als Gewalt".
Ein mittlerweile verstorbener Franziskaner, P. Ottokar Mund OFM, hatte sich rührig um das Andenken an Wolfgang Rosenbaum gekümmert. Zum 40. Todestag gab es das schon erwähnte Fenster und einen Gedenkstein auf dem Friedhof, zehn Jahre später haben wir eine schöne Kerze bei den Karmelitinnen anfertigen lassen, außerdem hat der damalige Pfarrer in einem Radiogottesdienst über Wolfgang Rosenbaum gepredigt.
70 Jahre später? Nichts.

1 Kommentar:

  1. Es tut mir jedes Mal leid von einem solchen Mangel an Respekt und Liebe für die zu lesen, die vor uns unsere Heilige Mutter Kirche auf ihren Schultern getragen haben. Für allzuviele Katholiken "beginnt" die Geschichte der Kirche erst mit dem 2. Vatikanum. Auch eine Form von Hochmut.

    AntwortenLöschen