Montag, 1. Oktober 2012

1. Oktober: Theresia von Lisieux: Eine Heilige verliert den Glauben

Zum heutigen Gedenktag mal etwas Kontrastierendes:

"Mitten im sichersten Bollwerk des katholischen Gettos, im Karmel, verliert am Vorabend des 20. Jahrhunderts eine Heilige den Glauben.
Sie hebt den Kopf und blickt noch einmal hinauf in die Kastanienallee des Klostergartens, die sie sehr geliebt hat. Sie deutet auf eine dunkle Stelle unter den Bäumen: 'Schaut dort unten das schwarze Loch, in dem man nichts unterscheiden kann. In einem solchen Loch stecke ich mit Leib und Seele.'
Ihre Schwester Marie redet ihr zu, bald werde sie bei Jesus und den Engeln sein. Sie antwortet: 'Alle diese Bilder geben mir nichts. Ich kann mich nur von der Wahrheit nähren. Deshalb habe ich auch nie nach Visionen verlangt. Man kann auf Erden den Himmel und die Engel nicht so sehen, wie sie sind. Ich warte lieber bis nach meinem Tod.'
'Ich warte lieber bis nach meinem Tod.' Was ist das für eine Einstellung? Der Glaube ihrer Familie ist das nicht mehr. Aber es ist auch kein atheistisches Glaubensbekenntnis. Es ist etwas Neues. In unsäglicher Einsamkeit hat sich die tapfere kleine Heilige von Lisieux jene Ungewißheit über die letzten Dinge eingestanden, die die Hüter der Religion zu Unrecht als 'Indifferenz' verachten. Denn dies wird die genuine religiöse Erfahrung der meisten Menschen im 20. Jahrhundert sein:
Es ist etwas dran an der Sache mit Gott; aber niemand weiß, was."

Hans Conrad Zander: Die emanzipierte Nonne und andere Portäts von heiligen Individualisten, Stuttgart 1991, 134ff.

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