Mittwoch, 31. Oktober 2012

Gedanken zu Allerseelen

Weil ich in den nächsten Tagen nicht dazu komme, hier schon einmal mein Zeitungsbeitrag zu Allerseelen:

Der Allerseelentag, liebe Leserinnen und Leser, steht im Zusammenhang mit dem vorausgehenden Fest Allerheiligen und geht auf den heiligen Abt Odilo von Cluny zurück; er hat diesen Gedenktag in allen von Cluny abhängigen Klöstern eingeführt. Das Dekret Odilos aus dem Jahr 998 ist noch erhalten. Bald wurde der Allerseelentag auch außerhalb der Klöster gefeiert. Für Rom ist er seit Anfang des 14. Jahrhunderts bezeugt. So wie am Allerheiligentag die Heiligen, die schon bei Gott sind, gefeiert werden, so wird an Allerseelen aller Verstorbenen, die noch nicht zur Vollendung gelangt sind, gedacht.
Im Zuge der nachkonziliaren Liturgiereform hat man sich von der am heutigen Tag vorgesehenen Sequenz „Dies irae“ – „Tag des Zornes“ weitgehend getrennt. Dieser, u.a. von Mozart, Verdi, Berlioz und Bruckner so meisterhaft vertonte Text sei zu düster und verdunkele die christliche Ewigkeitshoffnung. Ich halte das für einen großen Fehler. Natürlich ist die Sequenz sehr ernst, aber ist nicht auch der Tod eine ernste Sache? Natürlich geht es um das göttliche Gericht, aber muss nicht einmal jeder für seine Taten Rechenschaft ablegen und wäre es nicht ein bedrückendes Gefühl, würden die ganzen Opfer menschlichen Unrechts nicht wenigstens vor Gott Gerechtigkeit finden? Ich meine, dass der Gedanke an das göttliche Gericht nichts beängstigendes, sondern etwas sehr befreiendes hat. Wir haben hier nicht die Möglichkeit, die „letzten Dinge“, also Himmel, Hölle, Fegefeuer, ausführlich zu erläutern. An dieser Stelle nur ein Gedanke: Das göttliche Gericht bedeutet, dass Gott prüft, was der Mensch aus sich und der Schöpfung, beide von Gott aus Liebe ins Dasein gesetzt, gemacht hat. Es wird darum gehen, wie die Welt als Ganzes und ich als Einzelner Gott gerecht geworden bin. Es geht nicht um eine irdische Gerichtsverhandlung, sondern um die direkte und existentielle Erfahrung Gottes. Und was ist aber Gott? Gott ist die Liebe! Gott lässt mir aber selbst in diesem Moment noch die Freiheit, mich gegen diese Liebe zu entscheiden. Diese selbstgewählte Gottesferne ist die Hölle. Zu merken, wie ich dieser göttlichen Liebe nicht gerecht geworden bin, kann wie ein (Fege-)feuer schmerzen. Aber dann habe ich mich ja bereits für diese Liebe entschieden, dann steht mir der Himmel ja schon offen. Es ist hoch interessant nachzuverfolgen, wie die Lehre vom Fegefeuer die Armen- und Sozialfürsorge, aber auch Kunst und Frömmigkeit des Mittelalters befördert hat, denn es geht ja darum, schon hier etwas für die Ewigkeit tun zu können. Allerseelen sollte für uns also nicht so sehr ein Tag der Trauer sein, sondern eher ein Tag der Solidarität zwischen Himmel und Erde, zwischen Lebenden und Verstorbenen.

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