Dienstag, 23. Oktober 2012

"Was ist ein zeitgemäßer Gottesdienst?"

Unter diesem Titel wird in unserer Gemeinde ein Gesprächsabend angeboten, ich finde das auch richtig so, denn das Thema ist wichtig, ist doch die Liturgie gleichsam ein Schlüssel zum Glauben: "lex orandi - lex credendi"!
Für mich ist es eigentlich keine Frage, ob ein Gottesdienst "Zeit gemäß" ist. Er muss sich nämlich nicht an der Zeit messen lassen, sondern zuerst einmal an Gott, also "Gott gemäß" sein. Hinter den drei entscheidenden Sakristeifragen von Br. Paulus: "Wer lädt ein? - Wer feiert hier? - Was wird hier gefeiert?" (Wehe, wenn da eine der Antworten nicht "Gott" ist, sondern "Familiengottesdienst-vorbereitungskreis", dann bleibt man besser in der Sakristei) steckt doch das, wenn auch immer begrenzte menschliche Bemühen, Gott einen inneren und äußeren Feierraum zu eröffnen, in dem er an den Gläubigen handeln kann. Ein Gottesdienst muss sich also immer und zu allererst an Gott messen. Kann sich hier, Thomas Ruster folgend, schon "Gottesreich" ereignen? Geht es bei dem, was hier passiert, in adäquater Weise wirklich um Gott? Oder stehen vielleicht andere, wenn auch möglicherweise durchaus ehrenwerte Motive im Vordergrund, die aber mit Gott nichts zu tun haben? Die Frage nach Partizipation bedeutet also nicht, dass möglichst viele Leute möglichst viel im Gottesdienst gesagt, getan oder sich wie auch immer eingebracht haben, sondern es geht ganz entscheidend zunächst einmal um die Partizipation am Göttlichen und auch darum, Gott die Partizipation an uns zu ermöglichen.
Für mich ist also die Diskussion um den Gottesdienst nicht zuerst eine dogmatische oder pastorale Frage, sondern ein eminent eschatologisches Thema, wenn wir es denn wirklich ernst nehmen, dass wir "mit den Engeln und Heiligen in das Lob seiner Herrlichkeit einstimmen." Es geht also um nichts weniger als die Teilnahme an der himmlischen Liturgie. Oder hat die Krise unserer Liturgie auch damit zu tun, dass wir keine Eschatologie mehr verkünden? Wir kommen darauf noch zurück. 

Hinzu kommt, dass der Gottesdienst auch "Menschen gemäß" sein muss, denn das göttliche Handeln bedarf einer angemessenen menschlichen Antwort. "Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken." Also ist diese menschliche Antwort auch schon göttliches Geschenk, von ihm her erst ermöglicht. "Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil."
Dieser Lobpreis muss, damit er für mich wirksam wird, zwei Aspekte erfüllen: Einmal muss er wirklich von Herzen kommen. Das bedeutet, dass ich im Gottesdienst wirklich mit dem Herzen dabei bin, dass ich nicht "Messen lesen" lasse (auch wenn das nichts mit Passivität zu tun hat), sondern mir die Gesten, Gebete und Lieder im Gottesdienst zu eigen mache. Diese Dinge sind in gewissem Maße durchaus zeitlichen Veränderungen unterworfen, wobei auch hier die Frage bleibt, welche Ausdrucksformen denn dem Kern des Geschehens am nächsten kommen und nicht allein aus einer Mode des Augenblicks heraus entstehen. Hier sollte man beruhigt auf die Tradition der Kirche vertrauen, ist sie doch auch Quelle der Offenbarung und gleichsam "kollektives Gedächtnis" religiöser Erfahrungen der Menschheit.
Bei mir setzt das voraus, dass ich immer mehr versuche, mir das Geschehen im Gottesdienst geistlich zu erschließen, das bedeutet aber auch eine sorgfältige Vorbereitung aller Dienste im Gottesdienst, vom Pfarrer über den Organisten bis hin zu Messdienern, Lektoren und Küster. Wenn dort geschlampt wird, bleibt mir zumindest der Lobpreis meist im Halse stecken.
Der zweite Aspekt ist die Rolle des Zelebranten: Er leistet einen besonderen Dienst von Gott her, ja sogar so, dass er "in persona christi" handelt. Gleichzeitig sammelt er die Gebete der Gläubigen (hier passt das schöne alte Wort vom "Kollektengebet") und trägt sie vor Gott. Die Aufgabe des Priesters ist also, hier erinnern wir uns an die 'ars celebrandi' von Michael Kunzler, gleichermaßen eine katabatische und anabatische. Allein daraus wird schon deutlich, wie wichtig es ist, dass der Priester sich und seine persönlichen Einstellungen und Vorlieben zurücknimmt. Hier ist er eben nicht als Privatperson tätig, sondern quasi als Bevollmächtigter. Auf seine persönlichen Überzeugungen kommt es hier im Grunde genommen gar nicht an. "In sofern das Werk getan wird (ex opere operato) ist dort Gottesreich. Insofern die Handelnden das Werk persönlich vollziehen (ex opere operantis), ist es aber noch längst nicht überall Gottesreich" sagt Thomas Ruster. Deshalb ist es auch so wichtig, sich an die von der Kirche vorgegebenen Texte, Gebete und Riten zu halten. Nicht, dass mir nicht vielleicht anderes persönlich besser gefallen würde oder ich anderes besser passend finden würde. Darauf kommt es ja eben in diesem Augenblick des Gottesdienstes nicht an.
Noch einmal Thomas Ruster: "In der Kirche ist das Reich Gottes in der Form der Amtlichkeit gegeben. Das Reich Gottes ist von Amts wegen da. Es ereignet sich, wenn die entsprechenden amtlichen Vollzüge stattfinden. Es ist zunächst einmal nicht daran gebunden, dass Menschen authentisch und mit tiefer Überzeugung das vertreten, was in der Kirche amtlich geschieht. Selbstverständlich ist es die Perspektive des amtlichen Tuns, dass Menschen davon erreicht und ergriffen werden. Aber auch, wenn sie es nicht werden - das amtliche Tun allein bürgt schon für die Gültigkeit des Geschehens." Erklärenderweise muss man hier aber auch die berechtigte Anfrage von Thomas Ruster hinzufügen, ob es heutiger Theologie und Verkündigung.noch gelingt, angemessen vom Gottesreich zu sprechen, man denke nur an die hochinteressanten Studien Michael N. Ebertz zum Wandel der Jenseitsvorstellungen.
Ich komme zum Schluß der kurzen Überlegungen. Eigentlich geht es immer um dasselbe, also einfach gefragt: "Wer zelebriert hier was und wen?" Und, wohlgemerkt, hier geht es nicht in erster Linie um konservativ oder progressiv, Baßgeige oder Sackalbe! - In einer Zeit zunehmenden rubrizistischen Formalismus einerseits und selbstgestrickter Gottesdienste aus der gefürchteten großen schwarzen Ringbuchmappe andererseits ist eine Klärung dieser Fragen dringend erforderlich.
Womit wir ja wieder bei der Zeit wären: Ja, die Gottesdienste aus der großen schwarzen Ringbuchmappe sind "Zeit gemäß". Ob sie auch mehr sind?

Kommentare:

  1. Sehr interessante Gedanken, die Sie hier ausgebreitet haben, insbesondere die eschatologische Dimension, die himmlische Liturgie. Grüße an Muck!

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  2. Ich mag meine Gottesdienst mehr gottgemäß denn zeitgemäß! :-)

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