Mittwoch, 31. Oktober 2012

Gedanken zu Allerseelen

Weil ich in den nächsten Tagen nicht dazu komme, hier schon einmal mein Zeitungsbeitrag zu Allerseelen:

Der Allerseelentag, liebe Leserinnen und Leser, steht im Zusammenhang mit dem vorausgehenden Fest Allerheiligen und geht auf den heiligen Abt Odilo von Cluny zurück; er hat diesen Gedenktag in allen von Cluny abhängigen Klöstern eingeführt. Das Dekret Odilos aus dem Jahr 998 ist noch erhalten. Bald wurde der Allerseelentag auch außerhalb der Klöster gefeiert. Für Rom ist er seit Anfang des 14. Jahrhunderts bezeugt. So wie am Allerheiligentag die Heiligen, die schon bei Gott sind, gefeiert werden, so wird an Allerseelen aller Verstorbenen, die noch nicht zur Vollendung gelangt sind, gedacht.
Im Zuge der nachkonziliaren Liturgiereform hat man sich von der am heutigen Tag vorgesehenen Sequenz „Dies irae“ – „Tag des Zornes“ weitgehend getrennt. Dieser, u.a. von Mozart, Verdi, Berlioz und Bruckner so meisterhaft vertonte Text sei zu düster und verdunkele die christliche Ewigkeitshoffnung. Ich halte das für einen großen Fehler. Natürlich ist die Sequenz sehr ernst, aber ist nicht auch der Tod eine ernste Sache? Natürlich geht es um das göttliche Gericht, aber muss nicht einmal jeder für seine Taten Rechenschaft ablegen und wäre es nicht ein bedrückendes Gefühl, würden die ganzen Opfer menschlichen Unrechts nicht wenigstens vor Gott Gerechtigkeit finden? Ich meine, dass der Gedanke an das göttliche Gericht nichts beängstigendes, sondern etwas sehr befreiendes hat. Wir haben hier nicht die Möglichkeit, die „letzten Dinge“, also Himmel, Hölle, Fegefeuer, ausführlich zu erläutern. An dieser Stelle nur ein Gedanke: Das göttliche Gericht bedeutet, dass Gott prüft, was der Mensch aus sich und der Schöpfung, beide von Gott aus Liebe ins Dasein gesetzt, gemacht hat. Es wird darum gehen, wie die Welt als Ganzes und ich als Einzelner Gott gerecht geworden bin. Es geht nicht um eine irdische Gerichtsverhandlung, sondern um die direkte und existentielle Erfahrung Gottes. Und was ist aber Gott? Gott ist die Liebe! Gott lässt mir aber selbst in diesem Moment noch die Freiheit, mich gegen diese Liebe zu entscheiden. Diese selbstgewählte Gottesferne ist die Hölle. Zu merken, wie ich dieser göttlichen Liebe nicht gerecht geworden bin, kann wie ein (Fege-)feuer schmerzen. Aber dann habe ich mich ja bereits für diese Liebe entschieden, dann steht mir der Himmel ja schon offen. Es ist hoch interessant nachzuverfolgen, wie die Lehre vom Fegefeuer die Armen- und Sozialfürsorge, aber auch Kunst und Frömmigkeit des Mittelalters befördert hat, denn es geht ja darum, schon hier etwas für die Ewigkeit tun zu können. Allerseelen sollte für uns also nicht so sehr ein Tag der Trauer sein, sondern eher ein Tag der Solidarität zwischen Himmel und Erde, zwischen Lebenden und Verstorbenen.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Buß- und Bettag: Geschlossene Gesellschaft

In meinen Zeitungsbeiträgen geht es ja meistens um Themen aus ziemlich katholischer Perspektive. Nun möchte ich auch einmal etwas evangelisches anbieten und über den Buß- und Bettag schreiben, zumal ich seine Abschaffung nach wie vor unsinnig finde. Da haben sich die evangelischen Schwestern und Brüder damals ziemlich über den Tisch ziehen lassen...
Jedenfalls bin ich auf die Internetseite "Bußtag" gestoßen, dort gibt es Anregungen zur Gestaltung dieses Tages, Motto ist in diesem Jahr "Geschlossene Gesellschaft". Manches davon ist ganz ok., aber anderes finde ich entweder theologisch reichlich schräg, wie z.B. den Gottesdienstentwurf zum Thema Abendmahl, oder viel zu depressiv-moralinsauer oder auch einfach nur gutmenschelnd.
Aber ich würde mich doch über eure Meinung sehr freuen, schaut es euch doch bitte mal an!
(Vielleicht schreibe ich dann doch lieber über Christkönig ;) 

Kurz vor Allerheiligen...

So a-religiös können die Menschen gar nicht sein: Das ganze Jahr über zünden sie Kerzen an und schreiben in die ausliegenden Bücher in unseren Kapellen: Viele Bitten, aber auch manchen Dank. Bitten um Heilung, Gesundheit und Trost, Dank für neugeborene Kinder und gelungene Behandlungen, aber auch für die gemeinsam verbrachte Zeit mit einem jetzt Verstorbenen. Alles das geht bunt gemischt an Gott, Jesus Christus, Maria, manchmal auch an den hl. Josef. Der Herr wird das schon zu sortieren wissen. Allerheiligen ist so ein Tag, der mich an diese irdisch-himmlische "Solidargemeinschaft" erinnert. Gut, dass wir ihn feiern.

Montag, 29. Oktober 2012

Parkplatz statt Kirche

Einen zugegeben nicht mehr ganz neuen aber interessanten Artikel findet man in den "Ruhr-Nachrichten" über die hier schon erwähnte 1967 abgerissene Gedächtniskirche.
Hier gehts zum Bericht und hier zu der Fotostrecke.
Eindrucksvoll und melancholisch!

Sonntag, 28. Oktober 2012

Donnerstag, 25. Oktober 2012

25. Oktober: Gottes Freund, der Pfaffen Feind!

Keine Sorge, das ist jetzt nicht das Motto einer neuen Ungehorsamsinitiative, nein, mit dieser Inschrift ließ Christian von Braunschweig die sog. "Pfaffenfeindtaler" versehen, die er aus dem von ihm geraubten und eingeschmolzenen Schrein des heiligen Liborius prägen ließ, "Alles mit Gott" stand übrigens auf der Rückseite der Taler. Nebenbemerkung: Mit dem Geld würde auch heute mancher gern bezahlen... 
1622 plünderte der "Tolle Christian" den Paderborner Dom. Zu seinem Raub gehörten auch die Reliquien des Bistumspatrons. Diese führte er auf seinen Kriegszügen mit, weil er meinte, diese würden seine körperliche Unversehrtheit schützen. Nach mühseligen Verhandlungen und auf Irrwegen kamen die Gebeine des hl. Liborius zurück. In der einschlägigen Liborius-Literatur kann man das spannend nachlesen. Auf Veranlassung des Domkapitels wurden sie 1627 zunächst in die fürstbischöfliche Residenz Schloß Neuhaus gebracht und von dort am 31. Oktober in feierlicher Prozession in den Paderborner Dom zurückgetragen. Vorher wurde der heute noch erhaltene Liborischrein durch Hans Krako von Dringenberg angefertigt.
Der Wandbehang der bekannten Paderborner Textilkünstlerin Edith Ostendorf gibt dieses Geschehen anschaulich wieder:
Seit dieser Zeit wird also der heilige Liborius nicht nur im Juli gefeiert, sondern auch noch einmal als "Klein-Libori" im Oktober. Vor der Kalenderreform gab es allerdings noch mehr Liborigedenktage, so wurde z.B. auch der Ankunft der Reliquien 836 gedacht.
"Klein-Libori" ist im Dom Fest, im Erzbistum nicht gebotener Gedenktag. Am nächsten Sonntag ist im Dom um 10.00 Uhr Pontifikalamt mit Erhebung der Reliquien, Schrein, Pavonicaudafer und Tusch, also fast wie auf "Groß-Libori", nur eben alles etwas kleiner.
Die Oration des heutigen Tages lautet:
"Barmherziger Gott, du hast in Zeiten der Not und Gefahr die Kirche von Paderborn auf die Fürbitte des heiligen Liborius beschützt. Erneuere in unseren Tagen die Zeichen deines Heils. Stärke uns im Vertrauen auf deine helfende Hand und lehre uns deine Wege."

Dienstag, 23. Oktober 2012

"Was ist ein zeitgemäßer Gottesdienst?"

Unter diesem Titel wird in unserer Gemeinde ein Gesprächsabend angeboten, ich finde das auch richtig so, denn das Thema ist wichtig, ist doch die Liturgie gleichsam ein Schlüssel zum Glauben: "lex orandi - lex credendi"!
Für mich ist es eigentlich keine Frage, ob ein Gottesdienst "Zeit gemäß" ist. Er muss sich nämlich nicht an der Zeit messen lassen, sondern zuerst einmal an Gott, also "Gott gemäß" sein. Hinter den drei entscheidenden Sakristeifragen von Br. Paulus: "Wer lädt ein? - Wer feiert hier? - Was wird hier gefeiert?" (Wehe, wenn da eine der Antworten nicht "Gott" ist, sondern "Familiengottesdienst-vorbereitungskreis", dann bleibt man besser in der Sakristei) steckt doch das, wenn auch immer begrenzte menschliche Bemühen, Gott einen inneren und äußeren Feierraum zu eröffnen, in dem er an den Gläubigen handeln kann. Ein Gottesdienst muss sich also immer und zu allererst an Gott messen. Kann sich hier, Thomas Ruster folgend, schon "Gottesreich" ereignen? Geht es bei dem, was hier passiert, in adäquater Weise wirklich um Gott? Oder stehen vielleicht andere, wenn auch möglicherweise durchaus ehrenwerte Motive im Vordergrund, die aber mit Gott nichts zu tun haben? Die Frage nach Partizipation bedeutet also nicht, dass möglichst viele Leute möglichst viel im Gottesdienst gesagt, getan oder sich wie auch immer eingebracht haben, sondern es geht ganz entscheidend zunächst einmal um die Partizipation am Göttlichen und auch darum, Gott die Partizipation an uns zu ermöglichen.
Für mich ist also die Diskussion um den Gottesdienst nicht zuerst eine dogmatische oder pastorale Frage, sondern ein eminent eschatologisches Thema, wenn wir es denn wirklich ernst nehmen, dass wir "mit den Engeln und Heiligen in das Lob seiner Herrlichkeit einstimmen." Es geht also um nichts weniger als die Teilnahme an der himmlischen Liturgie. Oder hat die Krise unserer Liturgie auch damit zu tun, dass wir keine Eschatologie mehr verkünden? Wir kommen darauf noch zurück. 

Hinzu kommt, dass der Gottesdienst auch "Menschen gemäß" sein muss, denn das göttliche Handeln bedarf einer angemessenen menschlichen Antwort. "Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken." Also ist diese menschliche Antwort auch schon göttliches Geschenk, von ihm her erst ermöglicht. "Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil."
Dieser Lobpreis muss, damit er für mich wirksam wird, zwei Aspekte erfüllen: Einmal muss er wirklich von Herzen kommen. Das bedeutet, dass ich im Gottesdienst wirklich mit dem Herzen dabei bin, dass ich nicht "Messen lesen" lasse (auch wenn das nichts mit Passivität zu tun hat), sondern mir die Gesten, Gebete und Lieder im Gottesdienst zu eigen mache. Diese Dinge sind in gewissem Maße durchaus zeitlichen Veränderungen unterworfen, wobei auch hier die Frage bleibt, welche Ausdrucksformen denn dem Kern des Geschehens am nächsten kommen und nicht allein aus einer Mode des Augenblicks heraus entstehen. Hier sollte man beruhigt auf die Tradition der Kirche vertrauen, ist sie doch auch Quelle der Offenbarung und gleichsam "kollektives Gedächtnis" religiöser Erfahrungen der Menschheit.
Bei mir setzt das voraus, dass ich immer mehr versuche, mir das Geschehen im Gottesdienst geistlich zu erschließen, das bedeutet aber auch eine sorgfältige Vorbereitung aller Dienste im Gottesdienst, vom Pfarrer über den Organisten bis hin zu Messdienern, Lektoren und Küster. Wenn dort geschlampt wird, bleibt mir zumindest der Lobpreis meist im Halse stecken.
Der zweite Aspekt ist die Rolle des Zelebranten: Er leistet einen besonderen Dienst von Gott her, ja sogar so, dass er "in persona christi" handelt. Gleichzeitig sammelt er die Gebete der Gläubigen (hier passt das schöne alte Wort vom "Kollektengebet") und trägt sie vor Gott. Die Aufgabe des Priesters ist also, hier erinnern wir uns an die 'ars celebrandi' von Michael Kunzler, gleichermaßen eine katabatische und anabatische. Allein daraus wird schon deutlich, wie wichtig es ist, dass der Priester sich und seine persönlichen Einstellungen und Vorlieben zurücknimmt. Hier ist er eben nicht als Privatperson tätig, sondern quasi als Bevollmächtigter. Auf seine persönlichen Überzeugungen kommt es hier im Grunde genommen gar nicht an. "In sofern das Werk getan wird (ex opere operato) ist dort Gottesreich. Insofern die Handelnden das Werk persönlich vollziehen (ex opere operantis), ist es aber noch längst nicht überall Gottesreich" sagt Thomas Ruster. Deshalb ist es auch so wichtig, sich an die von der Kirche vorgegebenen Texte, Gebete und Riten zu halten. Nicht, dass mir nicht vielleicht anderes persönlich besser gefallen würde oder ich anderes besser passend finden würde. Darauf kommt es ja eben in diesem Augenblick des Gottesdienstes nicht an.
Noch einmal Thomas Ruster: "In der Kirche ist das Reich Gottes in der Form der Amtlichkeit gegeben. Das Reich Gottes ist von Amts wegen da. Es ereignet sich, wenn die entsprechenden amtlichen Vollzüge stattfinden. Es ist zunächst einmal nicht daran gebunden, dass Menschen authentisch und mit tiefer Überzeugung das vertreten, was in der Kirche amtlich geschieht. Selbstverständlich ist es die Perspektive des amtlichen Tuns, dass Menschen davon erreicht und ergriffen werden. Aber auch, wenn sie es nicht werden - das amtliche Tun allein bürgt schon für die Gültigkeit des Geschehens." Erklärenderweise muss man hier aber auch die berechtigte Anfrage von Thomas Ruster hinzufügen, ob es heutiger Theologie und Verkündigung.noch gelingt, angemessen vom Gottesreich zu sprechen, man denke nur an die hochinteressanten Studien Michael N. Ebertz zum Wandel der Jenseitsvorstellungen.
Ich komme zum Schluß der kurzen Überlegungen. Eigentlich geht es immer um dasselbe, also einfach gefragt: "Wer zelebriert hier was und wen?" Und, wohlgemerkt, hier geht es nicht in erster Linie um konservativ oder progressiv, Baßgeige oder Sackalbe! - In einer Zeit zunehmenden rubrizistischen Formalismus einerseits und selbstgestrickter Gottesdienste aus der gefürchteten großen schwarzen Ringbuchmappe andererseits ist eine Klärung dieser Fragen dringend erforderlich.
Womit wir ja wieder bei der Zeit wären: Ja, die Gottesdienste aus der großen schwarzen Ringbuchmappe sind "Zeit gemäß". Ob sie auch mehr sind?

Sonntag, 21. Oktober 2012

Sonntagsupdate

Wie man jede, aber auch wirklich jede Gelegenheit nutzen und jedes Evangelium so drehen kann, dass man in der Predigt über Kirche, Papst und Bischöfe herzieht, hat für mich nur noch pathologische Gründe. Oder auch besonders gern in den moralintriefenden Betroffenheitsratschlagfürbitten, die gehen dann ungefähr so: "... dass der Papst und die Bischöfe endlich begreifen...".
Natürlich schafft man sich dadurch schnell altrevolutionäre Freunde, aber inzwischen scheint die Stimmung doch etwas zu kippen: die ersten fangen an die Kirche zu verlassen. Ist ja nebenbei auch noch tierisch langweilig. Ich rate inzwischen dazu, Sonntags lieber zuhause zu bleiben, Stundenbuch zu beten und dafür öfter mal werktags zur Messe zu gehen. Ich weiß ja, dass das nicht ganz korrekt ist, aber es schont die Nerven ungemein...
Außerdem ist das Wetter zu schön, als dass ich mir davon heute den Tag vermiesen lasse, deshalb gibt es jetzt ein paar schöne Fotos von heute morgen aus dem Garten:


Allen Uschis herzlichen Glückwunsch zum Namenstag, allen anderen einen schönen Sonntag!

Freitag, 19. Oktober 2012

Beim Blick aus dem Bürofenster...

"Erst im Christentum und durch den Glauben an Gott gewinnt die menschliche Arbeit einen eigenen, wenn auch durch die Erbsünde verschatteten Wert. Arbeit ist nach Augustinus nicht Folge des Sündenfalls, dieser führt zur Verschärfung der Arbeit als Mühe 'im Schweiß des Angesichts', denn eigentlich setzt der Mensch in seiner Arbeit Gottes Schöpfungswerk fort und seine Arbeit födert zugleich die Aufheiterung der Seele. Durch die Benediktsregel gelangt der urchristliche Zusammenklang des 'ora et labora' in die abendländische Kultur. Dahinter steckt die Überzeugung: Müßiggang an Leib und Seele führt zu selbstbezogener und, modern gesprochen, narzisstischer Verstrickung. Dem wehren gleichermaßen Gebet und Arbeit. Das Ziel ist immer ein doppeltes: Bildung und Ausbildung der eigenen Persönlichkeit und Dienst am Mitmenschen. Unmerklich gewinnt die Arbeit damit zugleich den Sinn von Berufung, dies wird im neutestamentlichen Gleichnis von den Talenten eindrucksvoll entfaltet. In dieser Sicht hat jetzt jeder Mensch die Aufgabe, sich und seine Talente zum Wohl von Welt und Mitmensch zur Entfaltung zu bringen. Arbeit ist für den Menschen nicht irgendeine Form entfremdeter Beschäftigung, sondern immer auch und grundlegend ein Stück gerechter Selbstverwirklichung im Dienst der eigenen und der anderen Personen, als Teil der Lebensberufung durch Gott."

gekürzt aus: Peter Schallenberg: Wer ist Gott und was machen wir wenn es ihn gibt?

Stimmt ja alles. Trotzdem ist es schön wenn Freitag ist, das Wetter gut und das Wochenende vor der Tür steht. Allen Leserinnen und Lesern sonnige Herbsttage!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

18. Oktober: Lukas: Nach längerem Suchen...

Heute am Fest des hl. Evangelisten Lukas entsprechende Bilder zu finden, ist, zumindest in unserer Gegend, nicht ganz einfach, gibt es doch meines Wissens hier weit und breit kein katholisches Lukas-Patrozinium einer Kirche. Doch bei den evangelischen Schwestern und Brüdern bin ich dann fündig geworden.
Zuerst also das sog. "Lukaszentrum" mit der heute auch als Multifunktionsraum genutzten Kirche der ehem. "Anstaltsgemeinde". Das hört sich gruselig an, bezeichnet aber u.a. die dort ansässige Schwesterngemeinschaft der Diakonissen, die über viele Jahrzehnte sozial segensreich gewirkt haben. Diakonissen sehen ungefähr so aus:
Die Kirche wurde 1976 gebaut und war, was auch sonst, geschlossen. das schmiedeeiserne Kreuz links vom Eingang stammt vom Turm der Gedächtniskirche, einer imposanten neugotischen Kirche die früher in der Stadtmitte stand. Gedächtniskirche deshalb, weil sie u.a. an die Reformation und das preußische Bündnis von Thron und Altar erinnern sollte. Nach Kriegszerstörungen stand sie noch bis 1967 als Ruine, dann hat man sie abgerissen und einen Parkplatz aus dem Gelände gemacht. Hätte man noch ein paar Jahre gewartet, wäre ihr dieses Schicksal vielleicht erspart geblieben, denn so stark zerstört war sie gar nicht. Einige Ausstattungsgegenstände wurden dann auf evangelische Einrichtungen in der Stadt verteilt.
In der benachbarten Kapelle des evangelischen Krankenhauses hatte ich dann etwas mehr Glück. Die alte neugotische Kapelle musste in den 1970er Jahren einem Neubau weichen, die alten Glocken hat man malerisch auf der Wiese davor abgelegt:
 Der Innenraum der Kapelle. Orgel geht.
Auf dem Boden vor der Predigtkiste fanden sich etwas unmotiviert hingestellt zwei allerdings sehr schöne neugotische Kanzelfiguren, auch aus der schon erwähnten Gedächtniskirche, und eine davon könnte dann vielleicht auch endlich der hl. Lukas sein:
Das Motto im Eingangsbereich finde ich sehr passend: "Christo in aegrotis". Man hat es zur Sicherheit auch auf deutsch daneben auf einer kleinen Erklärungstafel übersetzt.
Allen die Lukas heißen, auch der lieben Vinzentinerin Sr. Luka, alles Gute zum Namenstag!


Mittwoch, 17. Oktober 2012

Besuch aus Äthiopien

Im Rahmen einer Kooperation waren mehrere Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen eines äthiopischen Krankenhauses für drei Wochen bei uns zu Gast. Hier besuchen wir gerade das Lukas-Hospiz in Herne, eine wirklich gute und unterstützenswerte Einrichtung:

Auch der Austausch war hochinteressant. Wenn mir nur nicht so viele englische Vokabeln fehlen würden, heißt "Seelsorge" denn nun wirklich "Spiritual care"? Naja, immerhin haben wir miteinander viel Spaß gehabt. Außerdem gab es eine Einladung zum Gegenbesuch in Äthiopien, das wär' mal was...

Dienstag, 16. Oktober 2012

Akademische Jahresfeier: Freudig ins neue Semester!

Die zurückliegende Akademische Jahresfeier an der ältesten Hochschule Westfalens (das ärgert immer so nett die Münsteraner) scheint recht lustig gewesen zu sein:


Allen Beteiligten einen guten Start ins neue Semester und viel Freude und Erfolg beim Studium!
Weitere schöne Bilder gibt es hier, von dort stammen auch die beiden Fotos auf dem Blog.

Welches Kirchenbild hat die Neuevangelisierung vor Augen?

Wie immer hochinteressant das Synodentagebuch von Prof. Dr. Thomas Söding von der RUB. Der heutige Beitrag zum Nachlesen hier!

Montag, 15. Oktober 2012

15. Oktober: Teresa von Avila und der Glaube

Warum ist ein "Jahr des Glaubens" sinnvoll und notwendig?
Kaum jemand kann Dinge so gut auf den Punkt bringen, wie die große Heilige des heutigen Tages:

"Wenn ich sage: 'Ich glaube...', dann scheint es mir vernünftig und wohl auch erforderlich, dass ich weiß, was ich glaube."
Teresa von Avila, Weg der Vollkommenheit, Kap. 40

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Sonntagsupdate

Ein kurzer Blick auf die Lage: Gestern in der Vorabendmesse schrie eine Frau während des Totengedenkens: "Nein, ich glaub nicht dran, ich will nicht sterben!!!"
Hat Sie wirklich so Unrecht? Immerhin hatte "Er" die Messe...

Und noch eine interessante Begegnung aus der vergangenen Woche: Beim zurückliegenden 150-jährigen Jubiläum der Elisabethkonferenz meinte man, die festlichste Festwoche durch ein sog. "Kirchenkabarett" noch festlichster zu machen. Solche Kirchenkabaretts finde ich, von Willibald Pauels einmal abgesehen, grundgruselig, sie stehen aber gerade auch hier bei uns hoch im Kurs und das Pfarrheim war auch bis auf den letzten Platz besetzt. Wobei die Zielscheibe meistens die Katholiken sind. Aber warum das sozialpsychologisch so sein muss, hat uns ja Manfred Lütz erklärt. Und es geht mir auch gar nicht darum, ob man über Religion lachen darf oder nicht, das hat ja Hans Conrad Zander gut herausgearbeitet.
Nein, es war eine einfache Begegnung die mich nachdenklich gemacht hat. Da werde ich von einer Caritasmitarbeiterin angesprochen mit der Bitte, ob sie mich einmal persönlich etwas fragen dürfe. Sie fragt dann, ob ich auch bei dem Kabarett gewesen sei (was ich nicht war) und was ich denn von solchen Veranstaltungen halte. Diese Mitarbeiterin, eine ursprünglich aus Osteuropa stammende intelligente und studierte Frau, war von diesem Abend sehr betroffen. Sie war erschrocken und erschüttert darüber, wie man denn das Heiligste was man habe so verspotten könne. Das könne sie nicht verstehen und das habe sie sehr traurig gemacht.
Wer schon einmal für seinen Glauben und seine Überzeugungen massive Nachteile hat in Kauf nehmen müssen, dem bleibt wahrscheinlich das Lachen im Halse stecken. Bei aller notwendigen Befreiungs- und Ventilfunktion von Humor und Satire: Wir leben weder in einem absolutistischen Staatskirchensystem, noch in einem katholischen Ghetto-Vakuum. Kirchenkabarett hier und heute ist für mich Ausdruck einer institutionell-dekadenten Verbequemlichung von Kirche und Glauben.
Darüber kann man mal richtig nachdenken.

Ansonsten habe ich gestern festgestellt, dass man mit Heckeschneiden und Bürgersteigfegen locker 3 Stunden zubringen kann, zumindest dann, wenn man das monatelang nicht mehr gemacht hat. Mir hilft dann dabei immer folgendes Gedankenexperiment: "Du bist jetzt Mönch. Es gibt jetzt für dich nichts anderes als diese Hecke und diesen Bürgersteig. Und es ist deine Aufgabe, hier zu schneiden und zu fegen. Das ist jetzt dein 'ora et labora'." - Das gibt mir zumindest immer die notwendige Geduld, diese Dinge zu erledigen.

Und weil heute auch das Fest des hl. Burkhard, des ersten Bischofs von Würzburg, gefeiert wird, gibt es gleich in fränkischer Verbundenheit passend Gerupften und Blaue Zipfel.
Viel mehr kann ich im Moment nicht beitragen, geistig-geistliche-Blogger-Blockade.
Vielleicht bessert es sich ja noch. Allen einen schönen Sonntag!

Freitag, 12. Oktober 2012

Johannes XXIII. und die Verwaltung

"Seit zwanzig Monaten bin ich nun Bischof. Und wie leicht vorauszusehen war, brachte mir dieses Amt viel Kummer und Sorge. Aber - es ist sonderbar - dieser Verdruß kam nicht durch die Bulgaren, für die ich tätig bin, sondern von den Zentralorganen der kirchlichen Verwaltung. Es ist eine Form von Kränkung und Demütigung, die ich nicht erwartet habe und die mich sehr schmerzt. 'Herr, du weißt alles!'
Ich muß und will mich daran gewöhnen, dieses Kreuz mit mehr Geduld und Ruhe und innerer Gelassenheit zu tragen, als ich es bisher fertiggebracht habe ... Ich werde das Schweigen - ein Schweigen, das, wie Franz von Sales lehrt, sanft und ohne Groll sein soll - zum Gegenstand meiner Gewissenserforschung machen."

Exerzitien, 27.11.-2.12.1926

Wie ich finde, ein nicht uninteressanter Einblick in das Denken und Fühlen des späteren Papstes. Vielleicht auch eine "hermeneutische Brille" für spätere Ereignisse? Zumindest aber ein kleiner Mosaikstein.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

"Wir sind die Basis" - wer denn sonst?

"Benedikt von Nursia steht zur Tradition und gestaltet sie auf solche Weise weiter, dass wir noch heute daran weiterbauen dürfen. Er ist sich bewusst, wer die Basis dieses Baues ist und woran sich alle Tradition messen muss: Jesus Christus.
Auch heute wird in kirchlichen Kreisen zwar viel von der Basis gesprochen. Allerdings verrät unser Sprechen nicht selten, dass wir den Bezug zu dem, was Tradition wirklich sein kann, weitgehend verloren haben. Wir bauen auf der Basis, die wir selbst zu sein meinen, und halten unsere Mehrheitsbeschlüsse für die Wahrheit. Früher oder später stellen wir erschreckt fest, dass wir damit nur vermeintlich Freiheit gewinnen, aber tatsächlich sehr viel an Lebensqualität verlieren."

Martin Werlen OSB, Abt von Einsiedeln, in: Notker Wolf (Hrsg.), Die Botschaft Benedikts

Dienstag, 9. Oktober 2012

Der Rosenkranzmonat Oktober

Der Blogtitel "vorgestellt-nachgedacht" bezieht sich ja, wie schon häufiger ausgeführt, ursprünglich auf einen Titel eines regelmäßigen Zeitschriftenbeitrags. Alle 14 Tage erscheint "Die Zeitung", und ich versuche immer mit diesen Beiträgen auch dem Glauben und der Kirche fernstehende Leserinnen und Leser anzusprechen. Dafür habe ich genau eine DIN-A4-Seite Platz. Deshalb gehen diese Beiträge nicht immer so theologisch ins Detail, wie sie vielleicht könnten oder sollten. Aber das ist in diesem Fall ja auch nicht gefragt. Es geht darum, die Leser, häufig sind es Krankenhauspatienten und ihre Angehörigen oder auch Mitarbeiter, zum Nachdenken anzuregen, ihnen vielleicht bislang unbekannte Einsichten zu vermitteln oder ihnen auch einfach nur Mut zu machen.
Der neueste Beitrag beschäftigt sich mit dem Rosenkranzmonat Oktober:

Der Monat Oktober, liebe Leserinnen und Leser, ist in besonderer Weise dem Rosenkranz gewidmet. Historisch liegt das an der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571. Damals gelang es einer christlichen Streitmacht, dem türkischen Expansionsdrang im Mittelmeer Einhalt zu gebieten. Dieser unerwartete Sieg wurde dem Rosenkranzgebet zugeschrieben, so dass nicht nur ein entsprechendes Marienfest auf den 7. Oktober festgelegt wurde, sondern der ganze Monat als „Rosenkranzkranzmonat“ in die Volksfrömmigkeit einging. Entstanden ist das Rosenkranzgebet aus frühmittelalterlichen Christusgebeten, denen dann später das „Ave Maria“ hinzugefügt wurde. Das Gebet des Rosenkranzes ist denkbar einfach: Man beginnt mit dem „Vater unser“ und betet dann das „Gegrüßet seist du Maria“. Diesem Gebet wird dann ein sogenanntes „Geheimnis“ eingefügt, also eine Begebenheit aus dem Leben Jesu. Danach folgt dann die abschließende Bitte. Immer zehn „Ave Maria“ bilden ein „Gesätz“, dann betet man das „Ehre sei dem Vater“ und es beginnt wieder mit dem „Vater unser“. Also wirklich nicht schwierig.
Alle großen Religionen kennen so etwas wie den Rosenkranz: „Tasbih“ heißt die Gebetsschnur im Islam, „Mala“ im Buddhismus und Hinduismus. Im religiösen Erfahrungsschatz der Menschheit scheint Wiederholung also nicht Langeweile, sondern höchste Form der Meditation zu sein: „Wie in den Mantra-Meditationen des Ostens geht es auch in diesem westlichen Gebet zuerst darum, zur inneren Ruhe zu finden. Der Mensch findet am leichtesten zu sich selbst, wenn er den schweifenden Geist zurückholt in den Körper. Es kennzeichnet die gesunde Körperlichkeit, dass sie dem Gesetz der Wiederholung folgt. Wir atmen in unablässiger Wiederholung, und unser Herz schlägt unablässig gleich. In der rhythmischen Wiederholung des Mantra kehrt der Rosenkranzbeter zurück in das Gesetz seines Körpers.“ schreibt Hans Conrad Zander. Aber der Rosenkranz bleibt nicht bei der inneren Ruhe stehen. In den „Geheimnissen“ bieten sich dem Beter gleichsam wechselnde Meditationsbilder, die ihn dazu anleiten sollen, sich in das Leben Jesu zu vertiefen. Noch einmal Zander: „Es handelt sich um die fünfzehn stärksten Bilder aus den großen Mysterienspielen des Mittelalters. Während also der westliche Beter sich einerseits dem Erlebnis der Wiederholung überlässt, genauso wie der Buddhist oder der Hindu, schreitet andererseits seine religiöse Phantasie mit den fünfzehn Meditationsbildern im raschen Wechsel voran.“ – Ich persönlich habe lange dafür gebraucht, mir das Rosenkranzbeten anzueignen, aber heute möchte ich nicht mehr darauf verzichten. Wir probieren so viele Meditationsübungen und Entspannungstechniken aus, liebe Leserinnen und Leser, warum eigentlich nicht auch einmal den Rosenkranz?

Samstag, 6. Oktober 2012

Tief. Ganz tief. Im Sauerland.

Ganz tief im Sauerland liegt das Heimatdorf meiner Familie. Bodenständige Bauern und Handwerker sind sie alle einmal gewesen. Heute waren wir nach vielen Jahren einmal wieder dort und haben die Verwandtschaft besucht. Es war auch sehr schön. Komisches Gefühl: Auf dem Friedhof liegen lauter Leute, die genauso heißen wie man selbst. Durch das Dorf gegangen sind wir auch, das geht recht schnell und verlaufen kann man sich auch nicht.
Hier ein paar Eindrücke. Mein Onkel meinte, das Dorf hätte sich schon gewaltig vergrößert...
Hier stand einmal das Geburtshaus meines Großvaters, ein altes Fachwerkhaus. Immerhin habe ich aus dem Haus einen alten Balken geerbt, der jetzt bei mir zuhause einen Ehrenplatz gefunden hat.
Hier die Filialkirche St. Antonius d. Einsiedler. Als mein Großvater geboren wurde, mußte man zur Taufe noch in die Pfarrkirche nach Kirchhundem laufen, die Mutter lag da meist noch im Kindbett. Nach der Taufe kehrte man dann dort ins Gasthaus ein. Und da es Mitte August war, hatte man auch ordentlich Durst. Und da hat man dann den kleinen Theodor in der Kneipe vergessen. Als man das dann auf halbem Wege bemerkte, eilte man natürlich schnell zurück. Aber der Kleine lag immer noch selig schlummernd im Gasthaus. Und dann fragt man sich, wo man als Enkel so manches her hat...
Die Kirche ist neu ausgemalt und hat jüngst Altar, Ambo und Tabernakel aus einer aufgelösten Kirche in Bochum bekommen. Den Tabernakel hätte ich zwar in die Chormitte gestellt, aber ansonsten ist die Renovierung durchaus gelungen:
Hier die Figur des Kirchenpatrons St. Antonius d. Einsiedler, einer der Nothelfer und als "Fickeltünnes" ein im Sauerland häufiges Patronat. Dieser Kirche ging eine barocke Kapelle voraus.
Ziegen sind niedlich, aber sie riechen doch sehr nach Ziege. Auf der Wiese neben der Kirche:
Und dann ist es so richtig schön Sauerland: Beim Rundgang durchs Dorf treffen wir zwei Schützen auf dem Weg zur Halle: Weiße Hose, grüne Jacke. Wir so: "Hallo!", die so "Hallo!". Einer von denen: "Haaalllooo!!!", ich: "Ja, ja, hallo!", er kommt auf mich zu: "Ja kennze mich denn nich mehr???", ich: "Boah, da musse mir helfn!" - Und so ging das noch etwas hin und her, bis sich herausstellte, dass er ein waschechter Großgroßonkel war, der uns schon auf dem Weg ins Dorf gesehen hatte. Fremdes Kennzeichen eben...

Allen einen schönen Sonntag!

Augen auf, Herr Erzbischof!

Das Interview mit Erzbischof Müller in dem es u.a. um die "Nichtverhandelbarkeit" des Glaubens geht, ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt. Aus dem Umfeld der DBK sagte mir mal jemand, dass Erzbischof Müller eine gewisse akademische Blasiertheit nicht ganz fremd sei, vor allem dann, wenn er mit geschlossenen Augen zu Monologen ansetzte.
In diesem Interview scheint er wohl die Augen auch geschlossen zu haben, geschlossen nämlich vor dem, was Tag für Tag, Sonntag für Sonntag, in unserer Kirche so abgeht. Denn die Piusbrüder, zu denen ich nun auch keine sonderlichen Sympathien hege, sind nun mal ein leichter Gegner: Zahlenmäßig überschaubar, gesellschaftlich eh' im Abseits, ohne politische Lobby, schlechte Presse, kaum Einfluß in den gesellschaftlichen Leitmilieus. Ja, da ist ist man schnell eindeutig. Ist ja auch einfach.
Und was ist mit den ganzen Lammerts, Glücks und Gefährten? Was ist mit den ganzen Ungehorsams-Initiativen? Was ist mit den Priestern, die sich ihr Leben, ihre Seelsorge und ihre Liturgie so basteln wie es ihnen am gemütlichsten ist? Was ist mit den Funktionären in den Gremien, Verbänden und Dialogprozessen, die sich von nichts und niemandem mehr etwas sagen lassen, schon gar nicht aus Rom?
Es gibt Gegner, die brauchen mehr Mut. Augen auf, Herr Erzbischof!

Freitag, 5. Oktober 2012

6. Oktober: Bruno von Köln: Macht Einsamkeit glücklich?

Bruno, der Stifter des Kartäuserordens, stammte aus Köln. Geboren um 1030, wurde er Kanonikus an St. Kunibert in Köln, 1057 Leiter der Domschule in Reims, wo der spätere Papst Urban II. sein Schüler war. Mit Erlaubnis des Bischofs von Grenoble gründete er 1084 mit sechs gleichgesinnten Freunden eine Eremitensiedlung in der Einsamkeit von Cartusia (Chartreuse). Das war die erste „Kartause“ (La Grande Chartreuse) und der Anfang des Kartäuserordens, des einzigen Ordens der katholischen Kirche, der nie reformiert zu werden brauchte. Sechs Jahre später rief ihn Papst Urban II. als seinen Berater nach Rom. 1091 gründete Bruno die Kartause La Torre in Kalabrien. Dort starb er am 6. Oktober 1101.
Unsere Bilder zeigen wieder einmal die Glasfenster von Thomas Jessen in Brenkhausen. Übrigens ein interessantes und tiefsinniges Detail: Dieses Fenster ist das einzige im ganzen Fensterzyklus, in dem ein Heiliger allein dargestellt ist.



Er sei der „strengste Orden der Welt“ heißt es vom Kartäuserorden und das hört sich für uns Dan-Brown-Verdorbene ja so richtig schön gruselig-mittelalterlich an. Aber, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie schon einmal den Film „Die große Stille“ gesehen? Ich kann ihn nur sehr empfehlen, denn dort wird das Leben der Mönche in der Großen Kartause in Frankreich begleitet. Und was verblüfft: Die Menschen dort sind glücklich! Es erscheint uns zunächst seltsam: Da leben Menschen in Strenge und Einsamkeit und sind glücklich. Das hat die Menschen schon immer fasziniert, Hans Conrad Zander beschreibt in humorvoller Weise wie die Leute in der Frühzeit der Kirche in Scharen zu den Wüstenvätern in Ägypten gepilgert sind, nur um zu sehen, wie es ist, wenn jemand mit sich allein glücklich ist, und Goethe spricht vom „strengen Glück“ der Kartäuser. Ist man denn nicht eher glücklich, wenn es locker zugeht und man in Gemeinschaft ist? Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, liebe Leserinnen und Leser, wissen wir, dass das nicht stimmt. Zumindest nicht immer. Strenge kann auch Halt bedeuten, Einsamkeit auch Freiheit.
Das Tagesgebet vom hl. Bruno bringt uns etwas auf die Spur des kartusianischen Glücksgeheimnisses, dort heißt es: „Gott, du hast den heiligen Bruno in die Einsamkeit geführt und ihn zu einem Leben in deiner Nähe berufen.“ Hier wird das vermeintliche Paradox aufgelöst. Der Mönch ist in seiner selbstgewählten Einsamkeit nicht allein: Durch die Einsamkeit wird er offen für die Nähe Gottes.
Das wäre auch etwas für uns Nichteinsiedler: Die Nähe Gottes macht glücklich! Und zwar so glücklich, dass auf einmal viele Dinge und auch Menschen nicht mehr so wichtig sind, oder besser: In der Nähe Gottes bekommt alles seinen angemessenen Platz, Dinge sind nur Dinge, Menschen sind nur Menschen. Das soll nicht abwertend gemeint sein, aber die Erkenntnis bleibt: Die Nähe Gottes befreit von falschen Prioritäten. Und das macht glücklich!

Donnerstag, 4. Oktober 2012

5. Oktober: Der hl. Meinolf: Kann man im Generalvikariat heilig werden?

"Meinolphum sanctum genuit Westfalia tantum": Am 5. Oktober gedenkt der Paderborner Heiligenkalender des hl. Meinolf von Böddeken.


Er entstammte einer einflußreichen, christlich gewordenen Familie aus der Paderborner Umgebung. Unter Bischof Badurad besuchte er die Domschule in Paderborn; gegen 836 erhielt er das Amt eines Archidiakons. Er wurde beauftragt, die Liborius-Reliquien aus Le Mans zu holen. Später hat er aus den Mitteln seines väterlichen Erbes das bei Paderborn gelegene Kloster Böddeken gegründet. Er wird mit einer kleinen Glocke dargestellt, mit der er der Legende nach das Volk zu Predigt und Gottesdienst sammelte. Seine Gebeine ruhen in der Busdorfkirche zu Paderborn. Im Kloster Böddeken selbst ist heute ein Internat untergebracht, von der einstigen Kirche steht nur noch die Chorruine. Aber dennoch sehenswert!


Mit seiner Tagesoration könnte der hl. Meinolf allerdings mindestens gebotener Gedenktag in allen deutschen Diözesen werden, sie lautet:
"Allmächtiger, ewiger Gott, der heilige Diakon Meinolf hat mit all seiner Kraft für den Aufbau der Kirche von Paderborn gwirkt. Schütze auch in unserer Zeit die Kirche dieses Landes und festige ihre Verbindung mit dem römischen Oberhirten."

Bei Hans-Jürgen Brandt und Karl Hengst lesen wir zum hl. Meinolf in ihrer "Geschichte des Erzbistums Paderborn":
"Seit 1803 hütet die Busdorfkirche ebenso die aus dem damals aufgehobenen Kloster Böddeken überführten Gebeine des hl. Diakons Meinolf, der im Jahre 836 die Reliquien des hl. Liborius von Le Mans nach Paderborn geleitet hatte. Bis in die Gegenwart hinein ist "Meinolf" bistumsweit als Tauf- und Rufname beliebt und wiederholt als Kirchen- oder Hauspatron gewählt worden. Die volkstümliche Verehrung des Heiligen der Paderborner Frühzeit aber ist seit der Säkularisation, abgesehen von der jährlichen Feier seines Todestages am 5. Oktober in Böddeken, eingeschlafen. Dabei verdiente der hl. Diakon Meinolf von mehreren Seiten aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden: von der Diözesanjugend als einem grenzenüberwindenden Vorbild und von den Ständigen Diakonen als ihres frühen Standesheiligen ebenso wie vom Domkapitel und vom Generalvikariat, als dessen erster Dompropst bzw. Generalvikar der "Archidiakon" Meinolf angesehen werden kann. Die Kosten für die längst fällige Anfertigung eines würdigen Meinolphischreins würden nicht zuletzt die zahlreichen Namensträger des Heiligen nach einem entsprechenden Aufruf bestreiten."

Frommer Wunsch!

Mein geistlicher Impuls für diesen Tag:
Man kann auch im Generalvikariat heilig werden, aber es ist nicht leicht. Man kann es wohl nur dann, wenn man dort, nach dem Vorbild des heutigen hl. Diakons Meinolf, aus einer Grundhaltung heraus arbeitet, die mit Machtausübung nicht viel zu tun hat. Es geht um etwas anderes: Die Bistumsverwaltung als diakonischer Dienst?
Ich finde, darüber kann man mal nachdenken!

Trotzdem allen Meinolfs (ich kenne zumindest immerhin fünf, wobei einer leider bereits verstorben und ein anderer evangelisch ist) herzliche Glückwünsche zum Namenstag!

Mittwoch, 3. Oktober 2012

4. Oktober: Der hl. Franziskus: Verbauter Zugang?

Wenn man so wie ich aus einer St. Franziskusgemeinde stammt, ist einem der Zugang zu diesem Heiligen vielleicht mehr verbaut als anderen. Ich bin mit meiner Heimatgemeinde oft in Assisi gewesen, zuerst noch in den 70ern, mehrfach danach und zuletzt Anfang der 90er. Also 20 Jahre nicht mehr. Zu einseitig war die Franziskus-Wahrnehmung vom Zefirelli-Film geprägt, zu dominant die sehr unterschiedliche Prägung dieser Fahrten durch die mitreisenden Priester oder Franziskaner, zu stark die Dynamiken in den jeweiligen Pilgergruppen, zu eng die Bindung an diese Gemeinde, zu tragisch die Beziehungsgeschichten. Nein, mit all' dem wollte, musste und konnte ich nichts mehr zu tun haben.
Die zurückliegende Franziskus-Ausstellung im Paderborner Diözesanmuseum war dann für mich so etwas wie eine Wiederbegegnung mit jemand einstmals Vertrautem. Aber nicht so, als ob man einen lang nicht mehr gesehenen Freund träfe, sondern eher, als wenn man auf einmal den Geruch der Wohnung der Großeltern wahrnähme. Also irgendwie wesentlich präsenter und direkter als ein zufälliges oder verabredetes Treffen mit einer anderen Person. Ein seltsames und ungewollt/unbeabsichtigt heimatliches Gefühl. 
Als ich heute nach Texten für diesen Beitrag gesucht habe, fielen mir die Stadtführer von damals in die Hand und ich gebe zu, dass dabei eine gewisse Sehnsucht entstand, diese Orte wieder einmal aufzusuchen. Vielleicht wird es ja mal was.
Trotzdem bleibt, auch unter Auslassung der eigenen Biographie, die Annäherung an Franziskus schwierig, zumindest dann, wenn man versucht die ganzen oberflächlichen Vereinnahmungen dieses Heiligen hinter sich zu lassen. Zu direkt und nah erscheint seine Christusnachfolge, zu sperrig seine Liebe zur "Herrin Armut", zu unmenschlich seine Demut.

Ich möchte es dennoch in drei Versuchen tun: Zum einen sind es die Glasfenster von Thomas Jessen in Brenkhausen: In ihnen hat er Franziskus und Clara fast schemenhaft dargestellt, als wenn er die vorausgehenden Überlegungen bebildert hätte. Die Sonne kommt hinzu, sie erinnert an den Sonnengesang und die Nähe des Franziskus zur Schöpfung und die Spatzen sind schon eine eigene Exegese wert. Die anderen beiden Versuche sind zwei Texte, die vielleicht auch ein Impuls für diesen Tag sein könnten. Der erste stammt aus dem "Spiegel der Vollkommenheit":

"Während nun der selige Franz bei Santa Maria di Portiuncula mit noch wenigen Brüdern weilte, ging er öfter in die Weiler und Kirchen im Unkreis von Assisi und verkündete den Menschen in seiner Predigt die Botschaft der Buße. Er pflegte einen Besen bei sich zu ragen, um unsaubere Kirchen zu fegen. Denn es schmerzte ihn sehr, wenn er sah, daß eine Kirche nicht so rein war, wie er es wünschte."

Ob er heute einen Blog-Besen nutzen würde?
Das nun folgende Gebet hat er vor dem Kreuz in San Damiano gebetet, es gilt als der älteste von Franziskus erhaltene Text:

"Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens,
schenke mir den rechten Glauben,
eine gefestigte Hoffnung
und vollendete Liebe.
Herr, gib mir das rechte Gespür,
damit ich deinen heiligen Auftrag
erkennen und wahrhaft erfüllen kann."

Das ist es wohl, worauf es ankommt.

Dienstag, 2. Oktober 2012

3. Oktober: Der weiße und der schwarze Ewald

Natürlich weiß ich, dass morgen der Tag der deutschen Einheit ist, ein Tag der Freude, des Dankes und des Ausschlafens.

Aber es gibt noch andere interessante Ereignisse, so feiern z.B. das Erzbistum Köln und die westfälischen Diözesen den Gedenktag der heiligen Ewalde. Sie waren angelsächsische Priestermissionare und kamen gegen Ende des 7. Jahrhunderts ins Sachsenland. Dort wirkten sie nur kurz - ehrlich gesagt war die Missionsarbeit schon nach ein paar Tagen am 3. Oktober 695 im ersten sächsischen Dorf vorbei - und wurden von der heidnischen Bevölkerung getötet. Sie waren wohl ein Brüderpaar, nach der Legende war der eine blond, der andere dunkelhaarig, deshalb auch die etwas seltsame Bezeichnung "weißer und schwarzer Ewald". Beda Venerabilis berichtet von ihnen in seiner 731 vollendeten Kirchengeschichte, dieser Text ist auch in der Paderborner Lesehore wiedergegeben. Eine zweite etwas abweichende Überlieferung ergibt sich aus einem Text aus dem Kloster Echternach. Ihre Leichname wurden nach Köln überführt und dort von Bischof Anno II. am 3. Oktober 1074 in St. Kunibert erhoben.
Interessant für uns Ruhrgebietschristen ist, dass seit der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts das heute im Südosten Dortmunds gelegene Aplerbeck als Todesort der beiden Ewalde erwähnt wird, und es gibt eine bis in vorreformatorische Zeit sicher nachzuweisende Ewaldiverehrung in Aplerbeck.

Als nun im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung wieder Katholiken nach Aplerbeck kamen, standen die Frage eines Kirchbaus und des Patronats an. Aber der Kirchbau konnte aus eigenen Mitteln nicht erhofft werden. Pfarrer Wigger aus Hörde und Missionar Steinhoff aus Aplerbeck wußten um die Ewaldi-Ortstradition und wallfahrteten so in ihrer Not 1878 zum Grab der beiden Ewalde nach Köln. Aber in St. Kunibert fanden sie zwar die Reliquien, aber ansonsten völlige Unkenntnis über diese beiden Märtyrer. Deshalb stifteten sie eine Geldsumme zur Anfertigung eines würdigen Schreins. Bereits am 3. Oktober 1879 konnte nach einem Hochamt im Kölner Dom die feierliche Erhebung der Reliquien in dem neuen Schrein zu St. Kunibert durch den Kölner Weihbischof Baudri erfolgen. Für die geplanten Ewaldikirchen in Aplerbeck und Laar wurden zuvor Reliquien entnommen.

Das Kirchenblatt veröffentlichte dazu ein nettes 16-strophiges Gedicht mit dem Titel "Die Bundesbrüder". Die ersten vier Strophen lauten:
"Zwei Friedensboten zogen her / Ins Land der alten Sachsen
Sie waren drüben überm Meer / Auf deutschem Stamm gewachsen.
Dem quoll ums Haupt die dunkle Nacht / Der rabenschwarzen Locken,
Der schritt in goldner Lockenpracht / Einher auf leichten Socken.
Und weil sie ungleich an gestalt / Und Farbe sich erwiesen,
Hieß jenen man den Schwarzen bald, / Den weißen Ewald diesen.
Doch waren beide gleich erfüllt / Von eines Geistes Triebe:
In ihrem Herzen stand das Bild / Der menschgewordnen Liebe."

Ihr Tagesgebet ist weniger poetisch:

"Herr und Gott, du hast die beiden heiligen Brüder Ewald als Zeugen deines Wortes zu den Sachsen gesandt. Durch ihr Martyrium und auf ihre Fürsprache bewege auch uns, im Leben zu bezeugen, was wir im Glauben bekennen."

Die von Wigger und Steinhoff wiederbelebte Tradition ist bis heute in Aplerbeck vorhanden: Nicht nur die katholische Kirche ist den hll. Ewalden geweiht, zwei Straßen sind nach ihnen benannt und ein kath. Altenheim, auf dem Aplerbecker Marktplatz steht ein modernes Ewaldi-Denkmal und manchmal findet man sogar "Ewald" als Vorname.

Ich finde es sehr lehrreich, wie man aus den Quellen der Tradition heraus neue Lebendigkeit schaffen kann. Uns heutige, die in jedem Dialogforum und Familiengottesdienst die Kirche neu erfinden (müssen?), kann das schon zum Nachdenken anregen!


Montag, 1. Oktober 2012

2. Oktober: Schutzengel: Wovon reden wir eigentlich?

Engel sind voll im Trend, gar keine Frage. Die Lebensberatungsliteratur ist voll von Engeln, ja, sie sind auch nicht mehr esoterisch, sondern mittlerweile exoterisch, weil überall präsent. Engeldarstellungen erzielen bei religiösen Artikeln im Internethandel meist die höchsten Gebote. "Immer da, immer nah" ist eine gelungene Werbekampagne einer Versicherung. Der Dortmunder Theologe Thomas Ruster vertritt sogar durchaus überzeugend die These, dass die "Engelreligion" die Religion der Zukunft ist. Sein Buch "Die neue Engelreligion" kann ich nochmals wirklich empfehlen!
Auf der Suche nach einem geeigneten Foto bin ich so durch meine Wohnung gelaufen und habe eigentlich nur diesen stillen Begleiter aus den Werkstätten der Abtei Münsterschwarzach auf der Fensterbank (wieder-)gefunden, eben "immer da, immer nah":


Trotzdem ist es schwierig über Engel zu reden:
In der katholischen Kirche ist der Engelglaube seit dem letzten geschlossen katholischen Weltbild des Barock auf dem Rückzug, die künstlich-kitschigen Wiederbelebungsversuche des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben diesen Rückzug im Nachhinein betrachtet eher noch befördert. Nein, mit diesem Zuckerbäckerstil wollte niemand mehr etwas zu tun haben. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts hat es die Kunst dann noch einmal mit den "mächtigen Boten" versucht, mit wenig Erfolg. In der Theologie war da der Zug längst abgefahren.
Thomas Ruster meint, dass wir in der Kirche nicht mehr richtig über Engel reden können, weil wir nicht mehr richtig über den Himmel reden können. Da ist etwas dran: Haben wir in den letzten Jahrzehnten in der Kirche und der Theologie nicht vielleicht zu viel vom Menschen geredet und zu wenig vom Himmel?
Mein Impuls für diesen Tag: Prüfen wir unsere Rede über Engel einmal über die Seelenwärmer Anselm Grüns hinaus: Wie reden wir denn vom Himmel? Erst wenn wir wieder vom Himmel reden können, können wir auch wieder über Engel reden.

1. Oktober: Theresia von Lisieux: Eine Heilige verliert den Glauben

Zum heutigen Gedenktag mal etwas Kontrastierendes:

"Mitten im sichersten Bollwerk des katholischen Gettos, im Karmel, verliert am Vorabend des 20. Jahrhunderts eine Heilige den Glauben.
Sie hebt den Kopf und blickt noch einmal hinauf in die Kastanienallee des Klostergartens, die sie sehr geliebt hat. Sie deutet auf eine dunkle Stelle unter den Bäumen: 'Schaut dort unten das schwarze Loch, in dem man nichts unterscheiden kann. In einem solchen Loch stecke ich mit Leib und Seele.'
Ihre Schwester Marie redet ihr zu, bald werde sie bei Jesus und den Engeln sein. Sie antwortet: 'Alle diese Bilder geben mir nichts. Ich kann mich nur von der Wahrheit nähren. Deshalb habe ich auch nie nach Visionen verlangt. Man kann auf Erden den Himmel und die Engel nicht so sehen, wie sie sind. Ich warte lieber bis nach meinem Tod.'
'Ich warte lieber bis nach meinem Tod.' Was ist das für eine Einstellung? Der Glaube ihrer Familie ist das nicht mehr. Aber es ist auch kein atheistisches Glaubensbekenntnis. Es ist etwas Neues. In unsäglicher Einsamkeit hat sich die tapfere kleine Heilige von Lisieux jene Ungewißheit über die letzten Dinge eingestanden, die die Hüter der Religion zu Unrecht als 'Indifferenz' verachten. Denn dies wird die genuine religiöse Erfahrung der meisten Menschen im 20. Jahrhundert sein:
Es ist etwas dran an der Sache mit Gott; aber niemand weiß, was."

Hans Conrad Zander: Die emanzipierte Nonne und andere Portäts von heiligen Individualisten, Stuttgart 1991, 134ff.