Montag, 28. Januar 2013

29. Januar: Thomas und die Traurigkeit

In meiner Arbeit habe ich häufig mit traurigen Menschen zu tun. Trauer und Depression sind zwei verschiedene Dinge, aber wenn sie zusammenkommen, wird es meist besonders belastend: Eine Depression ist häufig eine Folge einer langanhaltenden und schleichenden inneren Vernachlässigung. Vernachlässigung durch eigene oder von anderen auferlegte Überforderung und Überlastung, zu wenig Selbstachtsamkeit und Empfindsamkeit mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele.
Trauer über einen Verlust hingegen ist ersteinmal völlig normal und auch notwendig. Weil die Trauer aber mit dem Zulassen eines Gefühls zu tun hat, belastet sich der depressive Mensch auch häufig noch mit der Frage, ob er denn überhaupt trauern dürfe, ob er diese Trauer zulassen könne, ja im Grunde ist es die Frage, ob er sich denn, so seltsam es sich auch anhört, "Trauer gönnen" kann.

Der hl. Thomas hat dazu etwas sehr tröstliches geschrieben:

"Tränen und Seufzer mildern natürlicherweise die Trauer. Und das aus zweifachem Grunde. Zunächst deshalb, weil alles Schädliche, das im Innern eingeschlossen ist, mehr betrübt, da sich die Spannung der Sele ihm gegenüber vervielfacht. Ergießt es sich aber nach außen, dann verteilt sich die seelische Spannung gewissermaßen nach außen, und somit vermindert sich der innere Schmerz. Daher wird die Trauer gemildert, sobald Menschen, die in Trauer sind, äußerlich ihre Trauer offenbaren, sei es durch Weinen oder Seufzen, sei es auch durch Worte. - Zweitens deshalb, weil eine dem Menschen nach seiner augenblicklichen Verfassung zukommende Tätigkeit ihm lustlich ist (sibi est delectabilis). Weinen und Seufzen sind aber Tätigkeiten, die zu einem, der Trauer oder Schmerz hat, passen (operationes convenientes tristato vel dolento). Deshalb werden sie lustlich für ihn. Da nun jede Lust (...) Trauer oder Schmerz in etwa mildert, wird folglich auch durch Wehklagen oder Seufzen die Trauer gemildert. (Dadurch), daß der Mensch sich vorstellt (imaginatur), er tue, was ihm nach seinem augenblicklichen Zustand entspricht, entsteht eine gewisse Lust."

STh, I-II, 2. ad 3, zitiert nach: Zsok / Briese: Liebe und Hass - Wege der mittelalterlichen Weisheit, St. Ottilien 2007, 76f.

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