Dienstag, 8. Januar 2013

Abschied von den Schwestern - Gedanken über "Berufung"

Ende des Monats werden die letzten beiden Paderborner Vinzentinerinnen unser Krankenhaus verlassen und ins Schwesternaltenheim nach Borchen ziehen. Dieser Abschied ist nicht nur mit persönlicher Wehmut verbunden, es geht auch eine insgesamt 153-jährige Ära damit zu Ende. 153 Jahre – so lange haben hier seit der Gründung des Krankenhauses Ordensschwestern in den unterschiedlichsten Bereichen gelebt und gearbeitet: In der Pflege, der Küche, der Hauswirtschaft, der Nähstube, der Waschküche und nicht zuletzt in der Sakristei. Dass sie seit 153 Jahren dieses Haus auch durch ihr Gebet getragen haben, bleibt in solchen Würdigungen häufig unerwähnt. Vielleicht ein erstes Indiz für die Krise der sogenannten „tätigen“ Orden? (Eigentlich ein unmöglicher Begriff, denn würden wir behaupten die anderen Orden seien untätig, wären wir wieder auf dem Niveau des Josephinismus.) Wir kommen noch darauf zurück.
Im Laufe der Jahre wurden die Schwestern immer weniger und immer älter, neue Schwestern kamen nicht hinzu, und so ist dieser Abschied wohl folgerichtig. Ist damit das Projekt „Ordensschwestern“ letztendlich gescheitert? Auch darauf kommen wir zurück, denn ich möchte zunächst eine andere Frage in den Vordergrund stellen: Was lernen wir aus dieser Entwicklung?

Ich glaube wir lernen zunächst einmal etwas über Berufung:

1. Berufung ist immer dynamisch
Wir neigen eher zur Statik, aber biblisch ist das nicht: Krippe statt Herberge, kein Hüttenbau auf dem Tabor, kein Ort für den Menschensohn, keine bleibende Stätte für Paulus. Ich glaube, dass das dynamische Element von Berufung häufig zu kurz gekommen ist, auch in den Orden: Mit dem Bau gewaltiger „Mutterhäuser“, einer häufig unbarmherzigen Disziplin die den Willen der Einzelnen brechen sollte und der Schaffung immer neuer Hierarchien (kleiner Witz: Wenn zwei Schwestern zusammen sind, ist garantiert eine davon die Oberin) ging auch die Dynamik der Berufung verloren. Hinzu kommt eine tragische spirituelle Vernachlässigung: Dienen, dienen, dienen. Das reicht als Kraftquelle einfach nicht aus und hat oft zu Verbitterung und geistlicher Verödung geführt. Damit wird auch die Anfangsfrage beantwortet, warum bei den Schwestern kaum jemand zuerst ans Gebet denkt. Ich glaube, dass diese Tatsache wirklich ein Krisenindikator ist.
Nein, Berufung braucht Dynamik: Als der Herr seine Jünger beruft, sagt er „Folgt mir nach!“ und nicht „Bleibt mit mir stehen!“. Als sich diese Vinzentinerinnen vor 153 Jahren aufgemacht haben dieses Krankenhaus aufzubauen, sind sie in eine ungewisse Zukunft aufgebrochen. Ebenso die Schwestern die wir jetzt verabschieden: Als sie vor nunmehr mehreren Jahrzehnten nur mit einem Koffer mit ein paar Habseligkeiten in der Hand vor der Mutterhaustür im Nachkriegspaderborn standen und um Aufnahme baten, war es auch eine mutige Entscheidung. Ich glaube, dass uns das heute häufig fehlt: Es gibt Menschen die haben schon von fast jedem deutschsprachigen Kloster einen Klausurschlüssel gehabt und konnten doch keinen Platz für sich finden. Natürlich, es geht um Entscheidungen, ja Lebensentscheidungen und Dynamik und Hektik sind etwas Grundverschiedenes. Aber manchmal muss man einfach springen.

2. Berufung ist immer konkret
Die hl. Theresia Benedicta a cruce – Edith Stein – schreibt 1937 in einem Brief aus dem Kloster: „An sich gilt es gleich bei uns, ob man Kartoffeln schält, Fenster putzt oder Bücher schreibt. Im Allgemeinen verwendet man aber die Leute zu dem, wozu sie am ehesten taugen, und darum habe ich viel seltener Kartoffeln zu schälen als zu schreiben.“ Und als die sel. Maria Euthymia Üffing von einer ihr liebgewordenen Tätigkeit abgezogen und in die Waschküche versetzt wird, sagt sie nur: „Wenn Waschküche, dann Waschküche.“
Viele tun sich heute mit ihrer Berufung so schwer, weil sie sich diese mit heilloser Warterei kaputtmachen: Warten auf den endgültigen und eindeutigen Ruf Gottes, warten auf die richtigen Bedingungen und Lebensverhältnisse diese Berufung zu entfalten, warten auf die richtige innere Befindlichkeit, warten, warten, warten. Diese Warterei wird kein Ende finden. Nein, ich glaube dass Berufung auch bedeutet, die vor einem liegenden Dinge anzupacken und zu tun. Der hl. Benedikt sagt in seiner Ordensregel, die Mönche sollen ihre Arbeit wie einen Gottesdienst tun: Kartoffelnschälen ist Gottesdienst, Bücherschreiben ist Gottesdienst, Waschküche ist Gottesdienst. Das haben uns die Schwestern in unserem Krankenhaus in ihren vielen verschiedenen Arbeitsbereichen vorgelebt. Und jetzt eben „Wenn Borchen, dann Borchen.“

3. Berufung braucht Gehorsam
Wenn Berufung konkret ist, ereignet sie sich auch nie isoliert oder unabhängig von Zeit und Raum. Es reicht nicht zu meinen, man sei irgendwie diffus berufen. Eine Berufung braucht immer die Prüfung und die Annahme durch die Kirche. Das ist keine Schikane, denn Berufung bedeutet ja nicht ein individuelles Ausleben seiner Talente, sondern hat auch immer mit Gehorsam zu tun. Der Gehorsam scheint mir mit Blick auf so manche innerkirchliche Entwicklung der schwierigste der Evangelischen Räte zu sein: Es gilt, das laute Tönen des eigenen Ich zu überwinden und auf den leisen Ton dessen zu hören, der mich ruft. Das ist nicht leicht: Wie schnell ist es doch geschehen, im Gottesdienst von den vorgegebenen Texten und Formen abzuweichen, weil ich meine, ich könnte es noch viel besser. Dann höre ich nur das Ich. Wie schnell ist es doch geschehen, über Papst, Bischöfe oder Mitbrüder herzuziehen und damit nicht nur die Lacher auf meiner Seite zu haben, sondern auch einen Fanclub der meiner Eitelkeit huldigt. Dann höre ich nur das Ich. Aber wie schnell ist es auch geschehen, jemandem den „wahren“ Glauben oder das Katholischsein abzusprechen, nur weil er sich möglicherweise über Dinge Gedanken macht, die mir selbstverständlich erscheinen. Auch dann höre ich nur das Ich. Sympathischer macht mich das alles höchstens sehr kurzfristig, denn Menschen die nur auf das eigene Ich hören, sind meist recht unangenehme Zeitgenossen: eitel, eingebildet, besserwisserisch, belehrend. Und das Schlimmste ist: Sie halten sich selbst noch für demütig oder mutig und sind doch nur verstrickt in sich selbst.
Das wäre für mich Gehorsam und so „funktioniert“ auch Berufung: Es geht um das aufmerksame, anteilnehmende und sensible Hören auf den Ruf Gottes in der konkreten Gemeinschaft der Kirche. Dieser Gehorsam führt zur Freiheit und zur reifen Persönlichkeit: Zur Freiheit von den Abhängigkeiten meines Egoismus hin zu Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist das Projekt „Ordensschwestern“ nach 153 Jahren letztlich gescheitert? Auf den ersten Blick ja, denn schließlich ist ja dem Orden die personelle Puste ausgegangen. Aber auf den zweiten Blick nein, denn wenn Berufung immer dynamisch ist, dann wird der Herr auch mit den Paderborner Vinzentinerinnen noch etwas vorhaben, auch wenn es vielleicht anders ist, als wir es bislang kennen. Aber warum denn eigentlich nicht? Und wenn Berufung immer konkret ist, dann bleibt für uns, die wir hier im Krankenhaus zurückbleiben, eine Menge zu tun, egal wo und was wir hier auch arbeiten. Und wenn Berufung immer auch Gehorsam, also aufmerksames Hören, bedeutet, dann hinterlassen sie ebenfalls einen wichtigen Auftrag, den es Tag für Tag umzusetzen gilt.
Danke also für 153 gelungene Jahre!

Kommentare:

  1. ja man sollte in erster Linie dankbar sein :)
    das ist auch das was wir mit unserer "Oma Fina" verbinden, auch wenn wir sie jeden Tag vermissen.
    das mit der Berufung ist so Ne Sache.
    glaub ich greif das demnächst mal wieder auf. das bringt mich nämlich immer wieder zum nachdenken.
    danke.
    Pfiati

    Valentina

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  2. ja ich erlebe das auch recht schmerzlich rundherum.... allerdings im Kontext der Ordensgeschichte gesehen: kein Grund zur Verzweiflung. Wieviele Klöster etwa sind in Wien untergegangen im Lauf der Geschichte- und wieviele neu entstanden! Jede Zeit hat auch ihre neuen Erfordernisse, und Ausdrucksformen des geweihten Lebens. Ich meine damit nicht einfach nur "neue Gemeinschaften"...ich persönlich bin von der Zukunft der Orden genauso überzeugt wie von der der ganzen Kirche, wenngleich der Abschied von Vertrautem und Liebgewonnenem weh tut

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  3. Bleibt bei mir stehen.
    Warterei wird kein Ende finden.
    Ausleben der Talente.
    Oh. Oh. Oh. Das ist viel Nachdenkstoff für mich, der genau zur rechten Zeit kommt. Mitten in den Stillstand, das Warten und das Grübeln über die Talente hinein. Danke daher.

    Dankbar bin ich auch für den letzten Absatz. Ich könnte es weder akzeptieren noch ertragen, wenn es hieße 'letztlich gescheitert'. Für die Konsum- und Mediengesellschaft mag es so aussehen wie ein Scheitern, wenn da niemand mehr sichtbar ist, wenn 'das Unternehmen' die Führung und Herstellung an andere abgeben muss. Aber als Christ denke ich doch an das Samenkorn, das durch das Wirken der Schwestern gepflanzt ist. Ich sehe den stattlichen Baum an Vorbild und Erinnerungen. Lebendigkeit.

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