Mittwoch, 27. Februar 2013

Abschied vom "Gotteslob"

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal "Gotteslob"-Nostalgiker werden würde, aber wenn man jetzt mit der Schola die Gesänge zur Passion übt, dann macht man das doch das letzte Mal zumindest in der derzeitigen Form. "Allerheiligen 1975" hat meine Mutter vorne in mein Gesangbuch hineingeschrieben und es war sogar eines mit Ledereinband und Goldschnitt und ich war schwer stolz darauf, denn es war so ziemlich aus der ersten Auflage und ich war zwar noch nicht zur Erstkommunion gegangen, hatte aber schon ein eigenes Gesangbuch!

Viele konnten sich allerdings damals mit dem neuen Gesangbuch nicht recht anfreunden, passte es doch im Gegensatz zu seinem handlichen Vorgänger "Sursum corda" nicht mehr in die Hand- oder Anzugtasche. In St. Kamillentee hatten wir damals einen hauptamtlichen Kirchenmusiker, der uns, und das meine ich wirklich positiv, so ziemlich alles hat singen lassen, was im Gesangbuch irgendwie mit Noten versehen war. Dazu noch Chorbuch, Kantorenbuch und später das ziemlich schräge "Halleluja"-Buch. Das trug nicht wirklich immer zur Hebung der Feierlichkeit bei, wenn man z.B. am ersten Weihnachtstag erst zur Gabenbereitung das erste "richtige" Weihnachtslied singen durfte, war das für manche schon schwer zu ertragen. Auf der anderen Seite haben wir so das "Gotteslob" mit seinen Vor- und Nachteilen richtig kennen lernen können und das finde ich im Rückblick durchaus gut.
Was wohl ein gut gemeinter Fehler war, war das Auslegen von Gesangbüchern in den Kirchen. Nicht nur, dass sich jetzt alle neue Gesangbuchwagen und -ständer anschaffen müssen, nein, es ist dadurch die 100 Jahre alte Kultur des "eigenen Gesangbuches" wahrscheinlich unwiederbringlich verloren gegangen. Man bekam das Gesangbuch meist zu einem besonderen Anlass wie der Erstkommunion geschenkt und dann begleitete es einen durch das ganze Leben. Evangelischen Gesangbüchern war früher häufig eine Familienchronik beigefügt, in die man alle freudigen und traurigen Ereignisse des Lebens eintragen konnte. Auf dem Weg zur Kirche diente das mitgeführte Gesangbuch als öffentliches Bekenntnissymbol. Und dann war es natürlich der Hort- und Sammelort von Osterzetteln, Primizbildchen, Sterbebildchen, Wallfahrtsandenken usw. Das alles gibt es wohl kaum noch.
Wenn ich jetzt so in meinem Gesangbuch blättere, fallen mir noch ganz viele solcher Bildchen in die Hand: "Öffnet die Türen dem Erlöser" z.B., der Gebetszettel zum Heiligen Jahr 1983, protzige Primizbildchen (manche sind schon lange nicht mehr dabei), oder Totenbildchen die an einen lieben Menschen erinnern. Und wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass bei Nr. 424 das Gesangbuch öfter mal nass geworden ist:
Das ist die Nummer vom Asperges. Waren das noch Zeiten...

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