Dienstag, 16. April 2013

Österliche Zeichen: Weihrauch

Hier mein aktueller Zeitungsbeitrag:

Gerade die Gottesdienste in der Osterzeit, liebe Leserinnen und Leser, sind häufig von besonderer Feierlichkeit geprägt, und da gehört für Katholiken und Orthodoxe der Weihrauch normalerweise dazu. Wirklich? In den wilden Jahren nach dem letzten Konzil gaben viele Pfarrer ihre Weihrauchfässer zum Trödel oder nutzten sie als Aschenbecher im gemeindeeigenen Partykeller. Andere meinen, ihnen bekäme Weihrauch schlecht und fangen schon vor dem Gottesdienst an zu husten, halten es aber in jeder Raucherecke ansonsten tapfer aus. Und so  mancher selbsternannte kirchliche Expertemeint, Weihrauch und Latein habe das Konzil abgeschafft und wer dies jetzt noch benutze, sei ein ewiggestriger Traditionalist. Nebenbei bemerkt: Die Stelle, an denen das Konzil Weihrauch und Latein abgeschafft und Volksaltäre und graue Messkutten eingeführt hat, suche ich in den Konzilstexten seit Jahren. Vergeblich. Es gibt sie nämlich nicht…
Viele sind von der Schlichtheit des neuen Papstes beeindruckt. Mag sein. Persönliche Bescheidenheit darf aber nichts mit liturgischer Schlichtheit die schnell zur Schlampigkeit werden kann, zu tun haben. Das zeigt uns nach wie vor in beeindruckender Weise das Vorbild seines Vorgängers, und auch dem hl. Franziskus war für den Gottesdienst nichts zu teuer.  Wer meint, Gottesdienste wären dann gelungen, wenn sie möglichst bescheiden sind, dem gilt das scharfe Wort des ansonsten traditionalismus-unverdächtigen großen Theologen Romano Guardini: „Aber es gibt auch eine Philisterei in der Religion, die kommt aus kargem Sinn und dürrem Herzen. Hier wird das Gebet zu geistlicher Nutzbarkeit; soll wohl gemessen sein und bürgerlich vernünftig.“ Nein, in der Liturgie geht es, wirklich Gott sei Dank, nicht um Vernunft. Deshalb sind ihr auch alle Formen bürgerlicher Feierkultur normalerweise fremd. Sie ist, zumindest im katholischen und orthodoxen Verständnis, der von Gott selbst geschaffene vorzügliche Raum der kultischen Begegnung mit ihm. Darum auch der Weihrauch: Man muss die Gegenwart Gottes mit allen Sinnen spüren können, ihn gleichsam sehen, hören, riechen, schmecken und tasten können. Und Liturgie muss ein Kunstwerk von ästhetisch-spielerischer Schönheit und Zweckfreiheit sein, jenseits aller mehr oder weniger gut gemeinter Religionspädagogik darf sie letztlich nur ein Ziel haben: Die Begegnung mit Gott. Der Weihrauch kann das gut versinnbildlichen. Guardini schreibt über ihn: „Er ist ein Geheimnis der Schönheit, die von keinem Zweck weiß, sondern frei aufsteigt und der Liebe, die brennt und verbrennt, und durch den Tod geht.“

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