Dienstag, 16. April 2013

Spiritualität in der Lebenszeit des Sterbens - Teil I

Der folgende Beitrag von mir wird demnächst in der Festschrift zum 10-jährigen Bestehen des Fördervereins Lukas Hospiz Herne e.V. veröffentlicht. In mehreren Teilen stelle ich ihn jetzt auch auf den Blog:

Spiritualität in der Lebenszeit des Sterbens
In diesem Beitrag werden zunächst die möglichen Inhalte von Spiritualität im Umfeld von Krankheit, Sterben und Tod betrachtet. Danach werden zwei Wege der christlichen Spiritualität und zwei Wege der „säkularen“ Begleitung in der Lebensphase des Sterbens aufgezeigt.

I. Spiritualität im Umfeld von Krankheit, Sterben und Tod


I.1. Widerfahrene Lebenszeit: Die Erfahrung von Passivität, Vergleich und Abschied
Die Widerfahrnisse von schwerer Erkrankung überschreiten häufig den Horizont des Lebens und werfen Sinnfragen auf: z.B. nach dem Sinn der Krankheit, nach dem Sinn des eigenen Lebens und nach der Sinnhaftigkeit von Behandlungen. Der Mensch erlebt, dass ihm etwas widerfährt, er also etwas ertragen, erdulden, erleiden – wie auch immer – muss, dass er eben nicht, oder in nur sehr geringem Maße, selbst steuern und aktiv beeinflussen kann.
 „Da kann man nichts machen!“ – Diese meist resignierende Aussage begegnet den am Behandlungs- bzw. Therapieprozess eines Patienten beteiligten Personen recht häufig. Das Erleben von „Nichts machen können“, von Passivität, von Ausgeliefertsein sowohl an einen nicht mehr rückgängig zu machenden Zustand, als auch ganz praktisch durch die Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit, stellt für viele Menschen, Patienten wie Angehörige, aber auch Ärzte und Pflegende, eine existentielle Herausforderung dar. Die Erfahrung, Unerledigtes möglicherweise nicht mehr abschließen zu können, Konflikte, häufig auch in der Familie, möglicherweise nicht mehr lösen zu können, selbst- oder von anderen gesteckte Ziele  - „Wir hatten doch noch so viel vor!“ - nicht mehr erreichen zu können, führt bei Manchem zu Trauer und Resignation, aber auch zu Aggression und Wut.
Hinzu kommt die Erfahrung des Vergleichens, die wir schon immer in unserem Leben kennen. In der Phase von Krankheit und Hilflosigkeit kann sich das aber noch einmal verschärfen: „Früher habe ich immer so Vieles gekonnt, heute geht nichts mehr!“ oder „Andere in meinem Alter sind doch noch gesund!“ Gerade aus der letzten Aussage spricht auch deutlich die Frage der Gerechtigkeit und dem Warum von Krankheit, Sterben und Tod. Krankheit als Strafe für Sünde? – eine für uns heute völlig undenkbare Antwort, für die Bibel aber noch ein durchaus gängiges Erklärungsmuster. Die Frage nach dem Warum bleibt schmerzlich offen, eine wie immer geartete Gerechtigkeit enthüllt sich zunächst einmal nicht, denn Trauer ist zuerst immer die unbeantwortbare Frage!
Und dann gilt es Abschied zu nehmen, der Moraltheologe Peter Schallenberg beschreibt ihn: Abschied von lieben Menschen, Freunden, Kindern, Ehepartnern, die uns durch Krankheit und Tod entrissen werden. Abschied auch von uns selbst: Jeder Tag bringt uns unweigerlich dem eigenen Tod ein Stück näher, mit jeder Stunde und Minute sterben wir ein winziges Stück, müssen wir loslassen und trauern um goldene Vergangenheit. Und wer älter wird und Krankheit spürt, der merkt, was es heißt, wehmütig zurückzublicken: Es mag sein, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Aber dieses Paradies ist mit viel Wehmut und manchmal auch Schwermut erkauft: Wie viele verpasste Gelegenheiten liegen ungenutzt hinter uns, wie viele Menschen sind aus unserem Leben getreten, die doch wertvolle, ja unentbehrliche Wegbegleiter waren?
In diesem schmerzlichen Prozess bleibt die Erkenntnis festzuhalten, dass der Mensch erfährt, dass er wie kaum an einem anderen Zeitpunkt seines Lebens auch im Gebrauch seiner Vernunft und seiner technischen Fähigkeiten ein unvollkommenes, begrenztes und fehleranfälliges Wesen bleibt.

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