Freitag, 19. April 2013

Spiritualität in der Lebenszeit des Sterbens - Teil IV / Schluss

IV. Christliche Verkündigung im Spannungsfeld individueller Spiritualität

Wie kann nun, bei Wertschätzung der höchst individuellen Spiritualität des Einzelnen, christliche Verkündigung gelingen, zumal dann, wenn sich die Pflege- oder Gesundheitseinrichtung von ihrer Identität her als christlich versteht? Das ist beiliebe kein Randthema, sondern trifft den „Markenkern“, denn wenn es kirchlichen Krankenhäusern gelingt, ihren christlichen Grundauftrag des heilenden Dienstes wahrzunehmen, sind sie ein Grundvollzug von Kirche.  Christliche Einrichtungen haben eine Mission, aber sie drängen sich nicht missionarisch auf: Hospizmitarbeiter beschreiben ihr Vorstellung von Seelsorge so: „Seelsorge sollte kenntlich sein an Freundlichkeit ohne Betulichkeit, Hilfsbereitschaft ohne sanften Zwang, Sachlichkeit ohne Überheblichkeit, Klarheit ohne Schulmeisterei und Frömmigkeit ohne Bigotterie oder Überzeugungslust.“ Es bedarf gewisser „klimatischer Rahmenbedingungen“: In unseren Einrichtungen muss erkennbar sein, dass dort Prinzipien wie Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gerechtigkeit nicht nur strukturell verankert und gefördert, sondern auch von den dort arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelebt werden und gelebt werden können. Das kann sich zeigen in der Kultur des Miteinanders, in der Transparenz des Handelns und in der Offenheit der Kommunikation, aber auch in der ermöglichten Zeit zur Zuwendung. Spiritualität ist nicht der abgeschlossene Arbeitsbereich spezieller Fachleute, sondern eine gemeinsame Aufgabe aller Beteiligten, denn wenn ein Mitarbeiter weiß, wo er selbst steht, was ihn im Leben trägt und hält, wird es möglich, nicht nur eigene Krisen besser zu bewältigen, sondern auch dem anderen zu begegnen und ihn zu begleiten. Aus dieser gemeinsamen Spiritualität kann dann auch die christliche Verkündigung entstehen. Eben nicht angeordnet oder übergestülpt, sondern erwachsen aus dem Bewusstsein des Arbeitens an gemeinsamen Zielen durch gemeinsame Werte. Das benötigt Zeit und Geduld, aber langfristig wird es wirksam, Papst Benedikt XVI. beschreibt das in seinem Jesus-Buch so: „Es ist das Geheimnis Gottes, dass er leise handelt. Dass er nur allmählich in der großen Geschichte der Menschheit seine Geschichte aufbaut. Dass er Mensch wird und dabei von Zeitgenossen, von den maßgebenden Kräften der Geschichte übersehen werden kann. Dass er leidet und stirbt und als Auferstandener nur über den Glauben der Seinigen, denen er sich zeigt, zur Menschheit kommen will. Dass er immerfort leise an die Türen unserer Herzen klopft und uns langsam sehend macht, wenn wir ihm auftun. Und doch – ist nicht gerade dies die göttliche Art? Nicht überwältigen mit äußerer Macht, sondern Freiheit geben, Liebe schenken und erwecken. Und ist nicht das scheinbar so Kleine, wenn wir es gut bedenken, nicht das wahrhaft Große?“

Schluss: Nur Mut – es gibt mehr!


Seine Spiritualität für sich selbst und mit anderen und für andere zu entdecken, kann zu überraschenden, befremdlichen, manchmal verstörenden und beunruhigenden, aber auch tröstenden und heilsamen Erkenntnissen führen. Dieser Weg ist nicht immer einfach, aber immer ein Weg, der sich lohnt. Dazu möchte dieser Beitrag Mut machen!

Literatur:
ALBRECHT, Elisabeth; ORTH, Christel; SCHMIDT, Heida: Hospizpraxis, Freiburg 1995
BENEDIKT XVI.: Enzyklika „Deus caritas est“, 2005
BENEDIKT XVI./RATZINGER, Joseph: Jesus von Nazareth, Bd. 2, Freiburg 2011, 301f.
BORMANN, Franz-Josef: Ein natürlicher Tod – was ist das? (= Zeitschrift für medizinische Ethik 48, 2002)
EBERTZ, Michael N.: Die Zivilisierung Gottes - Der Wandel von  Jenseitsvorstellungen in Theologie und Verkündigung, Ostfildern 2004
EXUPERY, Antoine: Brief an einen General (= Gesammelte Werke, Bd. 3, Düsseldorf 1959)
FISCHER, Michael: Spiritualität – ein Alleinstellungsmerkmal kirchlicher Krankenhäuser? (= BAUMANN, Klaus; EURICH, Johannes; WOLKENHAUER, Karsten: Konfessionelle Krankenhäuser – Strategien-Profile-Potenziale, Stuttgart 2013)
GIEBEL, Astrid: Christliche Spiritualität als Markenkern kirchlicher Krankenhäuser (= BAUMANN, Klaus; EURICH, Johannes; GRATZ, Margit; ROSER, Traugott: Spiritualität in der Medizin – ein Widerspruch? (= SCHNELL, Martin W.; SCHULZ, Christian (Hrsg.): Basiswissen Palliativmedizin, Heidelberg 2012)
LEWIS, C.S.: Über die Trauer, Zürich 1995
RUSTER, Thomas: Die neue Engelreligion, Kevelaer 2010
SCHALLENBERG, Peter: Jenseits des Paradieses – Ethische Anstöße für den Alltag, Münster 2007
SCHOCKENHOFF, Eberhard: Ethik des Lebens – Grundlagen und neue Herausforderungen, Freiburg 2009
Spirituelle Begleitung in der Palliativversorgung. Konzept des Arbeitskreises Spirituelle Begleitung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin
SUDBRACK, Josef: Artikel Spiritualität (= Lexikon für Theologie und Kirche (3), Band 9, Freiburg 2000)
TRINN, Hartwig; SCHALLENBERG, Peter: Die Schwelle des Lebens überschreiten, Regensburg 2000
WOLKENHAUER, Karsten: Konfessionelle Krankenhäuser – Strategien-Profile-Potenziale, Stuttgart 2013)

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