Mittwoch, 17. Juli 2013

Komm zur Ruhr - auf Kirchentour!

In den Zeiten von "Industriekultur" tritt es manchmal etwas in den Hintergrund, dass das Ruhrgebiet eine viele Jahrhunderte ältere Geschichte hat, die nicht weniger eindrucksvoll und spannend ist. Heute möchte ich zu einer kleinen Kirchentour in die unmittelbare Umgebung einladen, in eine Landschaft die vom Ruhrtal geprägt ist, die aber auch so langsam in das Sauerland und das Bergische Land übergeht. Leider waren alle Kirchen verschlossen, so dass die teilweise qualitätvollen Innenausstattungen nicht gezeigt werden können. Vom Beten gar nicht zu reden. Schade!
Wir beginnen mit der Dorfkirche in Kirchende. Erstmals 1229 erwähnt, ist der Ort spätestens 1582 der Reformation anheimgefallen, die an den romanischen Turm anschließende Saalkirche entstand 1756-59.
 
Sehenswert ist in dem beschaulichen Ort auch der alte Friedhof, der älteste Grabstein stammt aus dem Jahre 1590:
Weiter geht es nach Herdecke, schon auf Grund der vielen Fachwerkhäuser in der Altstadt einen Besuch wert. Das dortige Kanonissenstift wurde durch Frederuna bereits 810 oder 819 gegründet. Die Kirche hat eine komplizierte Baugeschichte, gesichert ist ein Umbau im 12. Jhdt., der Rechteckchor wohl um 1230 begonnen, der Turm ist allerdings erst 1901-02 durch Gerhard August Fischer, Barmen, hinzugekommen:


Das Kanonissenstift überstand übrigens die Reformation, seit 1543 lebten katholische, lutherische und reformierte adelige Stiftsdamen einigermaßen gleichberechtigt zusammen, ein Viertel der Stiftsdamen hatte katholisch zu sein, ebenso jede vierte Äbtissin. Bis zur Säkularisation 1811/12 lag hier auf dem Stiftsberg das kirchliche und weltliche Machtzentrum der Region. Einige der Stiftsgebäude sind noch erhalten:


Eine katholische Gemeinde hatte es also in Herdecke immer gegeben. 1692 hatte sie sich auf dem Stiftsberg eine eigene Marienkirche errichtet. Da diese jedoch nicht ausreichte, wurde der Grundstein für die heutige Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus 1861 gelegt, hinzu kamen Schule und Pfarrhaus. Der Entwurf der dreischiffigen neugotischen Hallenkirche stammt von keinem geringeren als dem seinerzeit an der Kölner Dombauhütte unter Zwirner tätigen Friedrich Schmidt. Schmidt, seit 1859 bereits Professor an der Wiener Kunstakademie, holte als Bauleiter den schon erwähnten Gerhard August Fischer hinzu. Ihnen ist wirklich ein neugotisches Kleinod gelungen:

Ebenfalls einen berühmten Architekten hatte die reformierte Kirche in der Freiheit Wetter, unserem nächsten Ziel, nämlich Johannes Otzen, einer der Protagonisten des protestantischen Kirchbaus um die Wende zum 20. Jhdt. Viel älter als die 1893 entworfene Kirche ist jedoch der Ort an dem sie steht, befand sich doch dort die um 1250 entstandene und der hl. Katharina geweihte Kapelle der Burg Wetter. Diese Burg ist von großer historischer Bedeutung für die Region, versuchten doch die märkischen Grafen von hier aus Einfluss zu nehmen auf den Handelsweg von Ennepetal nach Soest, der wiederum vom Kölner Erzbischof auf der gegenüber liegenden Burg Volmarstein kontrolliert wurde. Heiligabend 1391 starb hier mit Engelbert III. einer der bedeutendsten Grafen von der Mark.
In der Burg richtete der Industrielle Friedrich Harkort ab 1818 seine "Mechanischen Werkstätten" ein, eine der Keimzellen der Industrialisierung im Ruhrgebiet. Heute ist von alledem nichts mehr zu sehen:

Die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde 1889-90 vom Paderborner Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig erbaut. Wenn der Turm nicht gerade renoviert wird, merkt man auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Paderborner Domturm. Die katholische Gemeinde in Wetter war so arm, dass sie für den Kirchbau seit 1857 sammeln musste:

Weiter geht es nach Wengern, die dortige Kirche hat das für unsere Region ungewöhnliche Patronat des hl. Liborius. Es wird berichtet, hier habe die Paderborner Gesandtschaft auf dem Rückweg aus Le Mans im Jahre 836 die Ruhr überquert. Die schriftliche Überlieferung setzt jedoch erst 1246 ein. Sicher ist jedoch, dass die wohl 1264 erneuerte Kirche auf Fundamenten des 10. Jhdts. steht. Ihr heutiges Aussehen erhielt sie dann endgültig durch einen Umbau 1891. Wengern gilt als älteste evangelische Gemeinde in der Grafschaft Mark, die Reformation wurde hier bereits 1543 eingeführt; "fast einstimmig" heißt es in den Quellen, nur ein einziges Gemeindemitglied habe nicht mitgemacht. Diesem mutigen Mann oder dieser mutigen Frau hat bislang leider noch niemand ein Denkmal gesetzt!

 Wengern hat einen idyllischen und sehenswerten Ortskern:
Hier die katholische Kirche St. Liborius, ein schlichter aber schmucker Saalbau aus dem Jahre 1915. Wengern und das jetzt folgende Volmarstein gehören übrigens zum Bistum Essen, alle anderen heute besuchten Orte zum Erzbistum Paderborn.
Die Dorfkirche in Volmarstein war dem hl. Bartholomäus geweiht, die Ursprünge sind um 1100 mit der Errichtung der benachbarten Burg zu finden, ein Pfarrer wird hier erstmals 1236 erwähnt. Die Reformation hielt hier 1564 mit dem Vikar Anton Schluck, einem Sohn des ersten lutherischen Pfarrers von Wengern Einzug. Er deckte einen angeblichen Betrug um eine angeblich wundertätige Hostie auf und brachte so die Gemeinde auf seine Seite. Ganz kann ich das nicht glauben, denn von Wallfahrern hat man eigentlich immer gut gelebt. Bis ins 17. Jhdt. sind hier auch noch Wallfahrten nachweisbar, und zwar zum "Hilgen Püttken", einer heilkräftigen Quelle in der auch nach der Sage zur Zeit Karls des Großen die ersten Sachsen der Gegend getauft worden sein sollen.

Sagenumwoben ist die Burg Volmarstein, um 1100 vom Kölner Erzbischof Friedrich I. hoch über dem Ruhrtal zum Schutz gegen die Grafen von Mark, denen ja die Burg Wetter gehörte, errichtet. Die erhaltenen Reste stammen wahrscheinlich aus der Zeit vor der ersten Zerstörung 1288. Eine im Berg wohnende Fee, die nur in der Nacht vor Mariä Geburt ihren Palast verlässt, soll den Volmarsteinern Glück bringen, der Teufel soll hier mit dem Ritter gespeist haben, und in einem der Brunnen soll eine goldene Tafel versteckt liegen, die nur der holen kann, der um Mitternacht in Begleitung einer schwarzen Katze zu Werke geht und kein Wort bei der Arbeit spricht. - Tja, schwarze Katze wäre ja vorhanden ;-)
 Wie auch immer, die Aussicht über das Ruhrtal ist wirklich beeindruckend:

Geendet hat der Ausflug bei meinem Lieblingsitaliener. Der wird allerdings aus eskimotaktischen Gründen weder fotografiert noch verraten ;-)

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