Mittwoch, 30. Oktober 2013

"Der Kerl sallt mir das meinige nicht nehmen!" - Etwas Stadtgeschichte zum Reformationstag

Wer immer noch meint, die Reformation sei im Wesentlichen ein religiöser Aufbruch gewesen, der lese einmal ein wenig Stadtgeschichte:
 
"Die Anfänge der Reformation sollen durch Pfarrer Johannes Fabrizius aus Langendreer gemacht worden sein, der nach dem Tode oder der Versetzung von Pfarrer Wessel Ryth die Wittener Gemeinde mitversorgte. Pfarrer Heinrich Heitmann, bei seiner Amtseinführung 1577 noch katholisch, fand in der Gemeinde schon einige Protestanten vor, was ein Beschwerdebrief des protestantischen Edelmanns Robert Stael von Holstein zeigt, der die Geistlichen von Wengern oder Langendreer bittet, die Wittener geistlich zu versorgen, denen der Wittener Pfarrer die Austeilung des Abendmahles verweigere, weil sie nicht beim Bau eines Pfarrhauses helfen wollten.
Pfarrer Heitmann selbst war, seinen Lebenswandel betreffend, nicht vorwurfsfrei, er unterhielt mit seiner Haushälterin ein unerlaubtes Verhältnis, nicht ohne Folgen. Die Gemeinde nahm daran einigen Anstoß. Nach seinem Übertritt zur neuen Lehre, wahrscheinlich vor 1575, heiratete der ehemalige Herbeder Kaplan jedoch nicht seine Haushälterin, sondern Katharina Schettmann, was dazu führte, dass er für seine ehemalige Haushälterin über Jahre Alimentengelder zahlen musste. Heitmann verzichtete 1597 auf sein Amt und starb am 3. September 1602.
Nach einer Aufzeichnung im Lagerbuch der Gemeinde wurde die Reformation erst 1582 vollends abgeschlossen. Ihre Durchführung geschah nicht ohne Auseinandersetzungen und sogar Tätlichkeiten. Als Beispiel dafür soll folgende Begebenheit im Original wiedergegeben werden:
'Vicarie B.M.V. zu Witten, verfolg von Stammheim selbige den Pater aus dem Kloster zu Lütgendortmund Joh. Kohlleppel conferieren, dieser auch 1. Januar 1576 an dem Altar die Messe thun wollen, wogegen Cath. von Plettenberg, Wittib von Brembts, samt ihren Söhnen Henrich et Wennemar und ihren Dienern und Leuten sich widersetzt; besonders soll Wittib von Brembt dem Pastoren haben sagen lassen, er solle die Predigt kurz machen. Inmittelst soll sie in die Sacristei gegangen und mit dem Pater gelärmt und gerufen haben: Der Kerl sallt mir das meinige nicht nehmen, darauf v. Stammheims Frau aus ihrem Stuhl zu der Frau v. Brembt gegangen und diese in Gezänk gekommen, als der Pastor eben das Evangelium gelesen, mithin dieser von der Kanzel gehen müssen. Brembts Söhne und Leute wären mit Gewehr in die Kirche gekommen und gedroht zu schießen, daher zwischen Brembts und Stammheims Leuten große Schlägerei und Tumult entstanden, die andern Leute aus der Kirche laufen, Brembts Schreiber Ernst sich vor den Altar mit ausgestreckten Händen gestellt, um den Pater nicht zuzulassen, die Messe zu lesen, und wie dieser dennoch in priesterlicher Kleidung zum Altar gekommen, hätten Brembts Leute ihn mit bloßen Säbeln davongejagt, auch den Kelch weggenommen mit dem Bedeuten, er solle sich bald wegmachen, oder sie wollten mit ihm so handeln, dass er das Messelesen nicht mehr tun solle usw.'
Nach diesem Ereignis begann ein Rechtsstreit der Familien bis zum kaiserlichen Gericht, der sich über mehrere Jahre hinzog, doch wurde Kohlleppel, auch nach dem Auftrag des Kölner Offizials an den Hagener Dechanten Carl Orth ihn einzuführen, nicht Inhaber der Stelle in Witten. Noch im Jahre 1721 entstand ein Streit zwischen Stael von Holstein zu Steinhausen und Pastor Brockhaus über die Entfernung des St. Annen-Altares, der, obwohl eigentlich durch die Reformation längst überflüssig geworden, doch an seinem alten Platz stehen sollte, da er von den Vorfahren Staels fundiert gewesen ist."

Tja, was soll man dazu sagen?

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