Sonntag, 8. Dezember 2013

8. Dezember: Erbsünde und Autoverkehr

Einige Gedanken zum auf den morgigen Tag verlegten Hochfest:

So wie eine Ouvertüre in eine Oper einstimmt, so ist es eine alte jüdisch-christliche Tradition, ein bedeutendes Fest schon am Vorabend beginnen zu lassen um sich gleichsam auch darauf einzustimmen. Und so geht auch unser Blick schon auf den morgigen Tag, den 8. Dezember, denn der ist in unserem liturgischen Kalender nicht unbedeutend, feiern wir doch morgen das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Worum geht es bei diesem Fest mit diesem sperrigen Namen? Papst Pius IX. hat es 1854 als verbindlichen Glaubenssatz definiert: Rein theologisch geht es darum, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Lebens an aufgrund einer besonderen Gnade Gottes von der Erbsünde befreit war. Das sagt uns jetzt wahrscheinlich noch nicht richtig viel und zugegebenermaßen geht es vielen Theologen ähnlich und dieses Fest ist nicht ganz unumstritten. Umso reizvoller ist es jedoch, sich gerade deswegen damit einmal zu beschäftigen.

Um dieses Fest zu verstehen, müssen wir drei Dinge klären: Was ist mit diesem seltsamen Begriff „Erbsünde“ gemeint?, zweitens: was hat das mit Maria zu tun? Und drittens: welche Anregung, welchen Impuls, kann jeder von uns für sich aus der Sache mitnehmen?

Wir versuchen es einmal und holen uns dabei Hilfe bei dem Dortmunder Systematiker Thomas Ruster. Ruster schreibt: „Die Erbsünde ist das, was entsteht, wenn der natürliche Drang zur Selbsterhaltung und die menschliche Tendenz zur Maßlosigkeit zusammenkommen.“ „Ein gutes Bespiel“, so Ruster, „ist der Autoverkehr. Der erste Mensch, der ein Auto erfunden oder gefahren hat, war vielleicht kein großer Sünder – auch wenn er womöglich schon damals hätte merken können, dass er mit dem stinkenden und ratternden Gefährt der Welt keinen großen Gefallen tut. Er wollte einfach nur schneller sein, bequemer reisen, der Konkurrenz davonfahren. Einige taten es ihm nach; auch sie waren nur kleine Sünder. Die Tendenz zur Maßlosigkeit fand im Auto allerdings einen willkommenen Betätigungsort: immer schneller, weiter, größer. Irgendwann entwickelte sich der Autoverkehr zu einem System, dem man nicht mehr entkommen konnte. Das Militärwesen, der Transport, die berufliche Mobilität, das Freizeitverhalten waren auf das Auto angewiesen. Die Besiedlungsstruktur stellte sich darauf ein, dass die Leute in der Regel ein Auto haben. Aus der Freiheit, ein Auto zu fahren, war ein Zwang geworden, den keine Regierung, keine Macht der Welt heute mehr zurückdrehen kann. Aus der kleinen Sünde des Anfangs war eine Erbsünde geworden.“ „Ein jeder“, so Ruster weiter, „der in eine automobile Gesellschaft hineingeboren wird, erbt diese Sünde von seinen Eltern – angefangen mit der Fahrt von der Klinik nach Hause. Und doch sündigt jeder, der ein Auto fährt, immer wieder selbst und aus eigener Entscheidung und oft mit großem Vergnügen. Die Sünde, die er begeht, ist die gleiche wie die des ersten Autofahrers. Er möchte schneller, bequemer reisen; er möchte die Nachteile eines Verzichts auf das Auto nicht sich nehmen. Die Erbsünde wird durch die freie Tat eines jeden Autofahrers immer wieder ratifiziert. Sie ist mittlerweile dabei, die Erde zu einem unbewohnbaren Ort zu machen.“ - „Erfahrungen dieser Art“, immer noch Thomas Ruster, „die sich beileibe nicht nur mit dem Autoverkehr machen lassen, haben die Kirche bewogen, das Dogma von der Erbsünde zu verkünden. Es wollte erklären, wie die Sünde der ‚Stammeltern’ Adam und Eva zu einer unüberwindlichen Sündenmacht werden konnte. Es wollte die Macht des Bösen und ihr Verhältnis zur menschlichen Freiheit klären.“ Ruster schließt etwas lakonisch: „Vielleicht hätte man den Sachverhalt besser erklären können als mit dem Begriff ‚Erbsünde’, aber eine bessere Erklärung ist mir jedenfalls nicht bekannt.“

Was hat das nun zweitens mit Maria zu tun? Das Dogma besagt ja, dass Maria bei ihrer Empfängnis von der Übertragung der Erbsünde ausgenommen worden ist. Das bedeutet: Gott hat der Ausbreitung des Bösen bei Marias Empfängnis Einhalt geboten, denn er wollte in Jesus Christus sein Reich auf Erden begründen, das Reich, in welchem das Böse keine Macht mehr hat. Im Hinblick auf die Begründung der Gottesherrschaft also hat Gott in Maria einen erbsündefreien Raum geschaffen. Dort sollte sich das Gottesreich entwickeln können, wie es dann wirklich mit Marias Antwort an den Engel geschehen ist: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Wie konnte Maria diese Offenheit für Gott gelingen? Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding schreibt dazu: „Mir geschehe nach deinem Wort“ – so antwortet Maria auf die Verkündigung des Engels Gabriel, der ihr die Frohe Botschaft überbringt, dass sie, die Jungfrau, kraft des Heiligen Geistes den Messias empfangen und gebären wird. Maria wird auf Verkündigungsbildern immer wieder mit einem Buch dargestellt. Sie ist in der Ikonographie der Antike und des Mittelalters bis in die Neuzeit hinein eine gebildete Frau, die lesen und schreiben und reden kann. Das ist im Neuen Testament nicht vorgegeben, aber angebahnt. Maria ist eine Frau des Wortes. Sie weiß, was sie ist: „Ich bin die Magd des Herrn“ – das höchste, was es vor Gott und für Gott nur geben kann. Sie weiß, was sie weiß – das, was Lukas ans Ende des Weihnachtsevangeliums gestellt hat: „Maria bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Und sie weiß, was sie tun will: „Mir geschehe nach deinem Wort!“

Und das führt uns zu unserem dritten Punkt: Was kann ich für mich daraus mitnehmen? Ich glaube folgendes: Wir haben vorhin gesehen, dass die Gefahr der Erbsünde überall dort gegeben ist, wo der Drang zur Selbsterhaltung und die Tendenz zur Maßlosigkeit zusammenkommen. Hier stellt sich uns also die Frage nach dem Zusammenleben der Menschen aber natürlich auch nach mir selbst, denn der erste Mensch mit dem ich zusammenleben muss, bin ja schließlich ich selbst. Noch einmal Maria: Wissen, was ich bin. Wissen, was ich weiß. Wissen, was ich tun will. Darauf kommt es wohl auch für mich und einen jeden von uns an: Wer bin ich? Diese Frage erinnert an das vielleicht manchen bekannte Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, das er 1944 in der Haft im Militärgefängnis Berlin-Tegel schreibt. Wir kommen darauf gleich noch einmal zurück. Was weiß ich? Um das zu beantworten, müsste ich versuchen, mich selbst immer besser kennen zu lernen. Was will ich tun? Um etwas tun zu können, müsste ich erst einmal wissen, was ich kann und dann zu welchem Ziel mich dieses Tun denn führen soll. Natürlich, keine leicht zu beantwortenden Fragen, wie auch? Aber je mehr ich versuche, den Antworten auf die Spur zu kommen, desto offener werde ich wie Maria für Gott, für mich selbst und für meine Mitmenschen.

Dietrich Bonhoeffer hat für sich eine Antwort gefunden. Die letzten Zeilen seines Gedichtes lauten: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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