Mittwoch, 4. Dezember 2013

Advent: Mir fällt nichts ein und doch was auf

Es ist nicht neu, aber in diesem Jahr besonders schlimm: Da werde ich nun zu einer ganzen Reihe von Advents- und Weihnachtsfeiern eingeladen, und das freut mich sehr! Was mir aber in jedem Jahr arge Probleme bereitet, ist die meist damit verbundene Bitte: „Ach, könnten Sie denn auch eine schöne Geschichte vorlesen?“ Und dann finde ich nichts und komme mir vor wie ein Gast der ohne Geschenk bei einer Einladung auftaucht. Ich fange also an zu suchen in der einschlägigen Literatur die sich in so einem seelsorgerischen Bücherschrank ansammelt: Tiefgründige Titel in meist sternchenbesetztem Layout versprechen anrührende, besinnliche, heitere, traurige oder nachdenkliche Geschichten die meist irgendwie mit dem Geschehen von Bethlehem zu tun haben. Oder mit Familienidyll oder gerade seinem Gegenteil. Sie handeln vom Plätzchenbacken, Tannenbäumen, Engeln, Rentieren, Weihnachtsduft oder der guten alten Zeit, die meist nur deswegen gut genannt wird, weil sie vorbei ist. So richtig passen sie aber alle nicht: Zu kurz, zu lang, zu fromm, zu weltlich, zu kritisch, zu kitschig, zu schwierig, zu leicht. Vor allem aber passen sie nicht, weil sie nicht meine Geschichten sind, meine ganz eigene Weihnachtsgeschichte.


Bei diesem Gedanken fällt mir doch etwas auf: Jeder von uns hat seine ganz eigene Weihnachtsgeschichte. Jeder von uns ist ein ganz eigener und wichtiger Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen, ohne jeden einzelnen von uns würde ein bedeutender Abschnitt dieser Geschichte fehlen. Diese Weihnachtsgeschichte erzählt davon, dass es einen Gott gibt, der die Menschen aus Liebe geschaffen hat und der aus Liebe in Jesus Christus selbst Mensch wird. Sie erzählt von Höhen und Tiefen, Freude und Trauer, Annahme und Ablehnung, Begegnung und Einsamkeit, Geborgenheit und Zurückgeworfensein auf sich selbst. Sie dauert ein ganzes Leben lang. Aber je umfangreicher diese Geschichte wird, umso deutlicher arbeitet sich heraus, worum es Weihnachten wirklich geht: Mensch werden.

Mensch werden – Ein Gebet von Antoine de Saint-Exupery fällt mir dazu ein, das auf den ersten Blick so gar nicht weihnachtlich klingt:
 
Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag.
Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl um herauszufinden, was erstrangig und zweitrangig ist.
Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte.
Bewahre mich von dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schenke mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.
Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.
 
Dieses Gebet heißt: „Die Kunst der kleinen Schritte“. Ich möchte jedem von uns wünschen, dass er in diesem Advent, in dieser kommenden Weihnachtszeit, dieser Zeit der Begegnung, ein paar kleine Schritte auf sich selbst, auf seine Mitmenschen und auch auf Gott hin gehen kann. Oder, um im Bild zu bleiben, dass jeder von uns an seiner ganz persönlichen Weihnachtsgeschichte weiter schreibt.

(Aus dem diesjährigen Adventsgruß an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter)

1 Kommentar:

  1. " Aus dem diesjährigen Adventsgruß an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" - Gerade wollte ich vorschlagen doch diesen Post vorzulesen. :-)

    Sehr schöne Gedanken! Werde ich gleich mal "zwitschern".

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