Samstag, 15. Februar 2014

Der Verlust der "Eschatologiekompetenz"

Aus dem letzten Beitrag behalten wir die Formulierung, dass „der Traum von den tränenlosen Gesichtern der Schöpfung nur in der Sprache der Maßlosigkeit erzählt werden kann.“ Kurz davor beschreibt Gottfried Bachl, der ehemalige Salzburger Dogmatiker, die Spannung zwischen dem historischen Ereignis und der heutigen Vergegenwärtigung anhand der „Alexanderschlacht“ von Albrecht Altdorfer:


„Kein blutiger Kampf findet statt, sondern das Bild-Ding eines blutigen Kampfes ist zu sehen, über dessen Sinn sich vielleicht die Experten Auslegungsgefechte liefern. Das Blutige wird unblutig vergegenwärtigt. Das Schlachtbild ist so weit vom Ereignis entfernt wie Kelch und Hostienschale von der Hinrichtung Jesu. Die Gestalt ist verschwunden, der aufgehängte Mann wird repräsentiert von Brot und Wein. Die Szene damals: Hinrichtungsplatz, Kreuze, Knochen, Dohlen, Publikum, Todesstimmung. Die Szene jetzt: Kirchenraum, Altar, Feierlichkeit, Schweigen, Sauberkeit, Leben. Damals das bestimmte, einmalige Geschehen, jetzt der vielfältig bewegliche, reproduzierbare Ritus. Wie viel Wirklichkeit kommt über den Abgrund der Zeit? Es ist unmöglich, auf Dauer in der Aufregung des Aktions- Augenblicks zu bleiben. Allzu schnell wird die Wahrnehmung aus dem Geschichtsbrennpunkt fortgerissen. Wenig später ist das härteste Faktum wie nicht, sofort muss enorme Archäologie getrieben werden, um es zu erkennen und festzuhalten. Flüchtig ist die Erkenntniskraft, schnell ermüdet die Bewahrungszähigkeit. Alle Vergegenwärtigung mündet unvermeidlich irgendwann in Unterhaltung. Die ärgsten Fakten werden Gegenstand genießenden Konsums. Dazu gehört die leichte Wiederholbarkeit des Entsetzlichen, in großer Dichtung wie im trivialen Tratsch, das Schönwerden des Furchtbaren im raumzeitlichen Abstand.“
Um den Gefahren der Verflüchtigung und der Unterhaltung zu entgehen, verweist Bachl schließlich auf das Sakrament: „Das Vergangene wird auf das Kommende gewendet, das Gewesene mit der Zukunft verbunden.“ Im letzten Beitrag können wir es weiter verfolgen.

Für die konkrete Feier der Eucharistie hat das weitreichende Konsequenzen. Ich frage hier nur: Ist in der Feier unserer Gottesdienst erkennbar, dass sie wirklich eschatologisch-sakramentale Handlungen sind? Sind sie nicht häufig durch ihre ganzen „Themen“ und „Gestaltungselemente“, durch das hilflose katechetisch-pädagogische Zerreden und durch das vermeintlich gut gemeinte Eindringen bürgerlich-gesellschaftlicher Höflichkeitsformeln und –floskeln trivial-tratschige Unterhaltung geworden?
Ich glaube, dass man diese Fragen nicht allein unter dem bleiernen Diktat der Pastoral beantworten darf. Dazu sind sie für den Kern des Glaubens zu entscheidend. Meine Sorge ist, dass die „Eschatologiekompetenz“ unseres Glaubens immer mehr verloren geht. Anzeichen für diese Entwicklung gibt es in unserer Kirche genug. Leider.

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