Samstag, 5. April 2014

5. Fastensonntag: verhüllt - enthüllt

Der aktuelle Zeitungsbeitrag:

Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit, liebe Leserinnen und Leser, nähert sich die Liturgie der Kirche immer mehr dem dramatischen Geschehen von Tod und Auferstehung Jesu. Dieser Sonntag wird auch Passionssonntag genannt, weil sich liturgischen Texte nun noch deutlicher dem Leiden Christi zuwenden. Nach alter Tradition werden ab dem Passionssonntag die Kreuze und Bilder in den Kirchen mit meist violetten Tüchern verhüllt. Die Kreuze werden bei der Kreuzverehrung am Karfreitag wieder enthüllt, die Bilder beim Gloria der Osternacht. – „Am Hungertuch nagen“, dieser umgangssprachliche Begriff bedeutet ursprünglich „am Hungertuch nähen“, also die meist von Frauen ausgeführte Handarbeit an reichhaltig verzierten Fastentüchern zur Verhüllung der Kreuze und Bilder. Ein sehenswertes mittelalterliches Fastentuch aus Hellefeld im Sauerland z.B. hat sich im Diözesanmuseum in Paderborn erhalten.
 

Die Kreuze und Bilder werden verhüllt, so wie auf unserem Bild aus der Wallfahrtskapelle auf dem Annaberg bei Haltern, um „das Bild des Gekreuzigten um so tiefer in unsere Herzen zu prägen“, so schreibt es eine liturgische Erklärung. Ich habe diesen Widerspruch früher nie richtig verstanden, wie soll denn etwas deutlicher und einprägsamer werden, wenn man es absichtlich nicht mehr sehen kann?
Die tiefe Weisheit die darin liegt, habe ich erst begriffen, als Christo den Reichstag verhüllte. Erinnern Sie sich, liebe Leserinnen und Leser? Der Reichstag war ja nun wirklich nicht unbedingt das erste Touristenziel in Berlin, mehr schlecht als recht hatte man die ohnehin ungeliebte historistische Bausubstanz nach den Kriegsschäden wiederhergerichtet, die Bundesversammlung traf sich alle paar Jahre zur Wahl des Bundespräsidenten, und auf dem Vorplatz fanden hin und wieder Open-Air-Konzerte statt. Auch nach der deutschen Wiedervereinigung gab es eine gewisse Verlegenheit im Umgang mit dem preußisch-wilhelminischen Protzbau, richtig volksnah war er nie. Und dann kamen Christo und Jeanne-Claude und packten den ganzen Kasten 1995 in Folie. Ab da begannen die Menschen dieses Bauwerk wieder neu für sich zu entdecken: „Dem deutschen Volke“ gewidmet, wurde der Reichstag nun zum Anziehungspunkt für Interessierte aus aller Welt und ist es bis heute geblieben.
Das was Christo und seine Frau gemacht haben, ist, bei allem Respekt, nicht neu. Es greift auf weltliche Weise das auf, was die Liturgie der Kirche seit Jahrhunderten geistlich praktiziert: Etwas wird verhüllt, damit man es mit neuen Augen sehen kann: Jesus Christus, der für uns gelitten hat und gestorben ist, und der uns in seiner Auferstehung das Leben neu erschlossen hat. – Ich möchte Ihnen wünschen, dass Sie in diesen Tagen etwas davon mit neuen Augen sehen und erfahren können!


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