Freitag, 2. Mai 2014

Der "Fall Anneliese Michel" - eine kurze Rezension

Soeben habe ich die Lektüre des Buches "Der Fall Anneliese Michel - Kirche, Justiz, Presse" beendet. Es handelt sich hierbei um die in diesem Jahr erschienene Dissertation von Petra Ney-Hellmuth am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg. (Würzburg 2014, 300 S.). In mehreren auch katholischen Medien ist darüber berichtet worden. Aufgrund eigener wissenschaftlicher Annäherungen an das Thema "Exorzismus" war ich auf diese Veröffentlichung recht gespannt.
Zunächst ist zu sagen, dass Petra Ney-Hellmuth die Möglichkeit hatte, auf bislang unzugängliche Dokumente wie z.B. die Akten der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg oder des Diözesanarchivs Würzburg zuzugreifen. Hinzu kommt, dass sie als Historikerin keine kirchenpolitischen Ziele verfolgt, sondern in sehr sachlich-nüchterner und ausführlicher Weise ihre Forschungsergebnisse darlegt. Dabei verliert sie sich nicht in Details und das Buch bleibt trotz des wissenschaftlichen Anspruchs einer Dissertation angenehm lesbar.
Es gliedert sich in fünf Hauptteile: 1. Darstellung der Klingenberger Ereignisse; 2. Unmittelbare Reaktionen der Öffentlichkeit und Stellungnahmen zum "Fall Anneliese Michel"; 3. Der "Fall Anneliese Michel" und die Medien: Schlagzeilen, Kommentare und Leserbriefe 1976-1978; 4. Die katholische Kirche in der Krise: Konziliare Reformen, Traditionalismus und moderne Gesellschaft; 5. Darstellungen zum Thema "Exorzismus": Vorgeschichten und Publikationen zum "Fall Anneliese Michel".
Hier ist nicht der Ort, die ganzen Geschehnisse um die gescheiterten Exorzismen und den Krankheitsverlauf und schließlich den Tod der jungen Studentin Anneliese Michel 1976 auszubreiten, dies kann man bei Petra Ney-Hellmuth detailliert nachlesen. Auch gelingt es ihr, die beteiligten Personen, ihre Familie, ihre religiöse Umgebung, die hinzugezogenen Priester und nicht zuletzt Bischof Stangl von Würzburg, und deren handlungsleitenden Motive gut herauszuarbeiten. Sehr ausführlich stellt sie auch die unterschiedlichen Stellungnahmen und Reaktionen in den Medien, Leserbriefen oder Zuschriften an Bischof Stangl dar.
Allein das zu lesen macht schon sehr nachdenklich, besonders die bedrückende religiöse Atmosphäre in Michels Umfeld mit der fatalen Geheimhaltung und dem damit verbundenen bewussten Verzicht auf ärztliche Hilfe.
Richtig ins Grübeln kommt man aber, wenn man verfolgt, wie Anneliese Michel und ihre vermeintlichen "Botschaften" gegen die nachkonziliare Kirche instrumentalisiert wurden (und wohl in manchen Kreisen auch noch werden). Dazu muss man schon ganz schön abgebrüht sein, Toncassetten von den Exorzismen für 5.- DM auf Schulhöfen mit schönen Grüßen aus Econe zu verkaufen. Ich selbst habe diese Cassetten bei einem Studienkollegen gehört. Diese Instrumentalisierung hat nichts mehr mit Konservativismus und Traditionalismus zu tun, hier geht es um schwer erträgliche perverse Missbräuche von Religion. - Was aber jetzt meine Wertung ist, Petra Ney-Hellmuth schildert dies ganz historisch-neutral. -
Eine zweite, ebenfalls schamlose Instrumentalisierung geschieht von der modernistischen Gegenseite: Der "Fall" wird dazu benutzt, die kirchliche Lehre vom Teufel und den Dämonen grundsätzlich abzulehnen und als mittelalterlich-überholt abzutun, auch dies oft vorgetragen in einer polemisch-aggressiven Häme und vermeintlich intellektuell-reflektierter Überlegenheit bei der auch nicht deutlich wird, dass hier eigentlich Christen mit bzw. über Christen sprechen.
Petra Ney-Hellmuth gelingt es, dies alles in einen gesamtgesellschaftlich-kirchlichen Kontext der späten 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zu stellen, beginnend mit Konzil und Liturgiereform, über den "Protestkatholikentag" in Essen, die Grabenkämpfe um die Handkommunion bis zu "Humanae vitae" und der Würzburger Synode. Durch die Darstellung des damaligen "Klimas" lassen sich Denken und Handeln der Akteure leichter erschließen und nachvollziehen. Außerdem liefert sie einen interessanten Ausblick auf die Wirkungsgeschichte des "Fall Anneliese Michel" bis heute.
Wichtig ist, dass es weder ein theologisches noch gar ein katechetisch-missionarisches Buch zum Thema Teufel und Dämonen ist, sondern eine Dissertation in Geschichtswissenschaft. Also immer dort, wo es dem frommen Leser etwas zu karg und dürr wird, sollte man gewissenserforschend über die eigenen Motive in sich gehen und dann der Historikerin für ihre Distanz dankbar sein.
Lesenswert!

Kommentare:

  1. Danke für Deine Zusammenfassung. Werde mir das Buch wohl auch mal zulegen. Jetzt sind erst noch die Wulffs dran.

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  2. Ein neutrales Buch sieht für mich anders aus.
    Von genannter Dame ist von Anfang an eine ablehnende Haltung gegenüber der Kirche bzw. dem Exorzismus zu spüren.
    Auch beleuchtet sie die Themen immer so einseitig, wie es für ihr Konzept passend ist. Bsp: Sie schreibt, es gibt viele Leserbriefe. Abgedruckt oder zitiert sind lediglich solche, die ihre Meinung unterstützen. Die restlichen Briefe werden in einem Satz erwähnt und nicht weiter thematisiert.
    Weiterhin zitiert sie eine Definition des Exorzismus aus einem Buch über Satan. Wäre die Bibel o.ä. Quellen nicht angebrachter? Es wird von der ersten Seite an alles ins negative gezogen. Der Exorzismus ist ein Gebet. Nicht mehr und nicht weniger.
    M.E. hat Frau Ney-Hellmuth ihre Meinung von Anfang an vertreten, die keine andere Möglichkeiten zugelassen haben.
    Es gibt wesentlich informativere Bücher darüber, die beide Seiten betrachten.

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