Sonntag, 6. Juli 2014

Ostwestfälische Jungfrauen und listige Schwestern

Wäre heute nicht Sonntag, wäre der Gedenktag der hl. Maria Goretti. Zu dieser kleinen Reliquie der hl. Maria Goretti gibt es folgende Geschichte:


Im Konvikt, also dort, wo die Priesteramtskandidaten während ihres Studiums wohnen, waren Ordensschwestern für die Hauswirtschaft verantwortlich. Diese wiederum bildeten junge Frauen als Hauswirtschafterinnen aus. Die "Mädchen" durften natürlich nicht mit den "Herren" in Kontakt kommen. Das bedeutete, dass beim Mittagessen das Schiebefenster der Essensausgabe so weit heruntergelassen war, dass man als Tischdienst nur die fleißigen Hände der Küchenhelferinnen sah und es auch als unschicklich galt, unter diesem Fenster hinduch zu schauen. Oder auch, dass wenn man denn mal etwas früher von der Fakultät zurück kam, sich die Angestellten fluchtartig zurückziehen mussten. Man fand dann also öfter auf den Fluren verwaiste Staubsauger, Putzeimer, Schrubber oder Lappen. Da ich vorher bei der Bundeswehr 15 Monate lang jeden Freitag die Deckenlampe auf der Stube abschrauben und reinigen musste, war natürlich eine Putzfrau eine tolle Sache! Für manchen anderen gings es einfach weiter wie bei Mama. Als ein Consemester einmal seine Putzfrau auf einen Sherry einlud und das eine Schwester mitbekam, war richtig was los - hielt sich doch hartnäckig das Gerücht, dass einmal ein "Mädchen" mit einem Priesteramtskandidaten "durchgebrannt" sei! Das arme unglückliche Geschöpf hatte bei ihm wohl zu gründlich geputzt!
Also die entscheidende Frage für die Schwestern war: Wie halten wir die Mädels keusch? Und da hatten sie eine listige Idee: Sie holten sich himmlische Unterstützung. Auf dem Wohnflur der Azubis wurden mehrere Maria-Goretti-Reliquien an den Wänden angebracht! Rein. Keusch. Unübersehbar. Mahnend. Ein unerreichbares Vorbild der Tugend für ostwestfälische Jungfrauen.
Und hier liegt für mich der große Fehler in der Verehrung Maria Gorettis: Es geht nicht in erster Linie um Keuschheit und Reinheit. Es geht darum, in den Himmel zu kommen. Und es geht um Vergebung: "Wenn Gott uns alles vergeben hat, wie könnte ich ihm nicht vergeben?" sagt ihre Mutter im Blick auf den Mörder ihrer Tochter. Darauf kommt es an. Und das ist bei Maria Goretti leider nie richtig deutlich geworden: Als der Wohnflur der Azubis aufgelöst wurde, konnte auch niemand mehr etwas mit den Reliquien anfangen. Eine davon habe ich dann geschenkt bekommen. Was die Keuschheit angeht, hat es (auch) nicht so richtig etwas genutzt, aber wenn es darum geht in den Himmel zu kommen und die Tugend der Vergebung zu lernen, dann gilt: Heilige Maria Goretti, bitte für uns!

1 Kommentar:

  1. Und später wurde das ganze Putzpersonal – wie man heute mit dem Duden sagt – „outgesourct“.
    Da gab es dann auch keinen Grund mehr, irgendwen auf einen Sherry einzuladen…

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