Sonntag, 16. November 2014

"Menschen die leben wollten" - Ansprache zum Volkstrauertag 2014

Ansprache zum Volkstrauertag 2014, gehalten bei der Gedenkfeier auf dem Friedhof in Witten-Bommern:

"Wenn wir uns in diesem Jahr zum Volkstrauertag hier versammeln, so tun wir das in besonderer Weise in Erinnerung an den I. Weltkrieg, jene sogenannte „Urkatastrophe“ Europas, die vor 100 Jahren begann. Ich möchte Ihnen dazu eine kurze Begebenheit erzählen:
Während meines Studiums hatte ich einen guten Freund der Pastor in einem kleinen Dorf in der Steiermark, also in Österreich war. Und einmal als wir ihn wieder für ein paar Tage besuchten, lud uns der dort in einem Jagdschloß lebende Fürst zum Abendessen ein. Wir saßen also im Empfangszimmer mit einem Aperitif auf dem Sofa, da fiel einem Studienfreund von mir zwischen lauter Geweihen und ausgestopften Wildschweinen ein Portraitbild auf und er sagte flapsig wie er war, er kam halt aus Dortmund: „Hörnse mal, den kann ich aber!“ – „Ja“, sagte der Fürst, „das ist Erzherzog Franz Ferdinand“. – „Jau“, sagte mein Freund, „den hats doch doch in Sarajewo erwischt!“, er kam halt aus Dortmund. Der Fürst reagierte leicht verschnupft und meinte nur: „Ja, das war mein Großvater!“.
Wir haben uns im Nachhinein oft gefragt, was das wohl für ein Gefühl ist, zu wissen, dass der eigene Großvater mit ein Auslöser für den I. Weltkrieg war.
Was mir hier an dieser Geschichte deutlich wird ist folgendes: Für uns Heutige ist dieser Krieg sehr weit weg, es gibt so gut wie keine Zeitzeugen mehr, und die Folgen dieses Krieges sind für uns nicht mehr unmittelbar spürbar. Dennoch wird das Gedenken präsent und greifbar, bekommt dieses Gedenken ein Gesicht, wenn es mit konkreten Personen, mit Namen, mit Bildern, mit Schicksalen verbunden wird. Ob es nun Erzherzog Franz Ferdinand ist oder die Erzählungen die vielleicht in unseren Familien überliefert werden, oder die Namen der Menschen die wir auf den Kriegsgräbern und Erinnerungstafeln unserer Ehrenmäler lesen können. Hinter allem, und das gilt natürlich genauso für die Gefallenen und Toten des II. Weltkriegs und alle Opfer von Krieg und Gewalt, stecken Menschen. Menschen mit Hoffnungen, Träumen, Wünschen und Sehnsüchten. Menschen mit Angehörigen und Familien. Menschen die leben wollten.
Menschen die nicht einem unabwendbaren Schicksal oder einem wie immer auch gearteten göttlichen Willen zum Opfer gefallen sind, sondern Menschen die gestorben sind, weil andere Krieg geführt haben. Sei es mehr oder weniger hineingeschlittert wie im I. Weltkrieg, oder verbrecherisch geplant wie im II. Weltkrieg, oder wie wir es heute so oft schmerzlich erleben, aus ethnischen, nationalistischen oder religiös-fanatischen Gründen.
Und deshalb wird es wohl auch nicht anders möglich sein, das lehrt leider die Erfahrung, eben diesen Kriegstreibern zu wehren und stattdessen Leben zu ermöglichen, als dass, bei allem wünschenswerten Pazisfismus, Friede durch Waffen erhalten und gesichert wird. Deshalb ist es auch gut, dass wir an diesem Tag an die Männer und Frauen der Bundeswehr denken, die in einem gefährlichen und verantwortungsvollen Dienst diesen Einsatz für den Frieden leisten, damit Menschen die leben wollen, auch in Sicherheit leben können.
Gerade in diesen Tagen gehen dabei unser Gedanken und unsere Solidarität auch an die vielen Flüchtlinge die ja zu uns kommen weil sie auch nichts anderes wollen als Leben. Leben in Frieden und Sicherheit.
Wenn wir uns bei all dem fragen, was das alles mit Gott zu tun hat, so müssen wir deutlich erkennen, dass Gott, wenn wir denn trotz der vielen leidvollen Erfahrungen an ihn glauben können, nicht ein Gott des Todes, der Vernichtung und des Krieges ist. Gott ist nicht der Gott des „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss. Gott ist nicht der Gott in dessen Namen man Kriege führen kann. Gott ist nicht der Gott, dem das barbarische Abschlachten angeblich Ungläubiger wohlgefällig ist. Alles das ist, und da haben die Christen gleich welcher Konfession auch viel lernen müssen, in dem berühmten Wort von Tilmann Moser „Gottesvergiftung“. Wobei mich hier die Frage umtreibt, ob hier falsche Menschen Religion missbrauchen, oder, und da wäre für mich das Ende der Toleranz erreicht, nicht viel mehr falsche Religion Menschen missbraucht.
Gott, so wie ich als Christ an ihn glaube, ist ein Gott des Lebens, der Entfaltung und des Friedens. Wir dürfen glauben, dass jeder Mensch von Ewigkeit her von Gott gewollt, geliebt und angenommen ist. Völlig unabhängig davon ob er am Anfang oder am Ende seines Lebens steht, völlig unabhängig von Rasse, Herkunft, Geschlecht oder dem moralischen Gelingen seiner Lebensentwürfe.
Wenn jeder Mensch von Ewigkeit her von Gott gewollt, geliebt und angenommen ist, dann ist er auch in Ewigkeit von Gott gewollt, geliebt und angenommen. Und so können wir uns in unserem Gedenken an unsere Toten trösten lassen von den Worten aus dem Buch der Weisheit aus dem Alten Testament mit denen ich schließen möchte:
'Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden.
In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit.
Ein wenig nur werden sie gezüchtigt; doch sie empfangen große Wohltat. Denn Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig.
Wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt und sie angenommen als ein vollgültiges Opfer.
Beim Endgericht werden sie aufleuchten wie Funken, die durch ein Stoppelfeld sprühen.
Sie werden Völker richten und über Nationen herrschen, und der Herr wird ihr König sein in Ewigkeit.'"
(Weish 3,1-9)

Kommentare:

  1. Aber in dem armen Franz-Ferdinand würde ich nicht den Auslöser sehen, sondern eher in Gavrilo Princip.

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    1. Was ist Gavrilo Prncip in den Kopf gefahren, und die drei Waisen hatten neben dem Tod ihrer Eltern in der weiteren Geschichte durchlaufen. Die beiden Söhne kamen ins KZ. Ein erschreckendes Ergebnis neben unzähligen anderen.

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  2. Danke für die lesenswerten Worte zum Volkstrauertag. Im Kreis Paderborn mußte man sich auf der zentralen Gedenkfeier in Böddeken Elmar Brok anhören, der fortwährend von europäischer Wirtschaftspolitik sprach, das Thema des Tages gründlich verfehlte und zudem noch halbe Silben verschluckte.

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  3. Der Volkstrauertag in Deutschland ist immer etwas „Besonderes“.
    Klar, andere Länder haben auch ihre „Memorial Day“, „Remembrance Day“ und wie sie auch heißen, und auch dort trauern die Menschen um ihre Toten. Es schwingt aber dort auch der Stolz des Siegers mit. Das Bewußtsein, daß der Tod nicht umsonst war, sondern daraus letztlich Frieden und Freiheit entstanden ist.

    In Deutschland hingegen kommt immer noch der Schuld-Aspekt hinzu. Wir trauern nicht nur um unsere Toten, sondern wir trauern in dem Bewußtsein, auch noch an dem ganzen Debakel Schuld zu sein. Die mitschwingende Selbstanklage haben wir perfektioniert. Sie ist teilweise wichtiger als die Trauer.

    Ich persönlich trauer gar nicht an solchen Tagen. Um wen auch? In direkter Linie habe ich keine Vorfahren, die im ersten oder zweiten Weltkrieg gestorben sind. Und schon gar gibt aus verständlichen Gründen keinen, den ich persönlich gekannt habe.
    Ich würde auch nie zu irgendeiner zentralen Trauerfeier gehen. Warum auch?

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