Sonntag, 23. Februar 2014

Die Stärke unseres Gegners liegt in unserer eigenen Schwäche

"Die Stärke unseres Gegners liegt in unserer eigenen Schwäche, und die wird verursacht durch unserere Zwistigkeiten. Diese Überlegungen gelten zum Teil auch für die katholische Kirche. Ihr Gründer, Christus, hat diese Spaltungen befürchtet und deshalb ein solides Fundament für die Einheit geschaffen. Er hat gesagt: 'Ich wünsche, dass meine Jünger eins sind, dass sie einen einzigen Schafstall bilden.' Um dieses Ziel zu erreichen, hat er aus der Menge die Zwölf ausgewählt und zu ihnen gesagt: 'Wer euch hört, hört mich.' Da er Spaltungen unter den Zwölf und ihren Nachfolgern voraussah, wollte er, dass einer von ihnen ihr Oberhaupt, ihr größerer Bruder sei. Deshalb sagte er zu Petrus: 'Weide meine Schafe' und 'stärke deine Brüder'. Es gibt also einen Ausweg aus unserer Situation: Wenn Gläubige, Priester, Ordensleute und Bischöfe sich eng um den Papst scharen, wird keiner die Kirche spalten."

Johannes Paul I: Ihr ergebener Albino Luciani - Briefe an Persönlichkeiten, hier aus dem Brief an Andreas Hofer, Mai 1974

Mit einem schönen Foto von gestern aus Rom (Danke an Stanislaus) allen Leserinnen und Lesern einen schönen Sonntag!

Donnerstag, 20. Februar 2014

Jordan Mai - Ein Heiliger des Ruhrgebiets

Gibt es jemanden, liebe Leserinnen und Leser, der in Gelsenkirchen und Dortmund gleichermaßen verehrt wird, ja sogar als „heiligmäßig“ gilt?
Ja, den gibt es, und ihn möchte ich heute vorstellen: "Ein heiliger Bruder ist gestorben" - so ging am 20. Februar 1922 die Kunde durch Dortmund. Der heilige Bruder war Jordan Mai, ein Franziskaner aus dem dortigen Kloster. Er wurde am 1. September 1866 in Buer geboren und hatte er sich mit 28 Jahren für das Leben in der Gemeinschaft der Franziskaner entschieden. Ein tief religiöses Elternhaus hatte diesen Weg vorbereitet. Gelernter Sattler und Gerber, lernte er im Kloster noch Koch hinzu und war aushilfsweise auch für andere Innendienste wie Pforte und Sakristei und für gärtnerische Arbeiten zuständig. Mit liebevoller Aufmerksamkeit betreute er die Mitbrüder die von Außendiensten zurückkamen und die vielen Gäste und Bittsteller an der Klosterpforte. Stationen seines Lebens und Wirkens waren Paderborn, Münster, Neviges, Harreveld in den Niederlanden, Dingelstädt und seit 1907 Dortmund.


In Dortmund hoffte er von starken Kopfschmerzen befreit zu werden, aber er blieb bis zu seinem Tode nicht mehr voll einsatzfähig. Trotzdem oder gerade deshalb verbrachte Jordan Mai Stunden im Gebet, manchmal auch ganze Nächte. Dies hinterließ einen bleibenden Eindruck auf seine Umgebung: Wenn Mitbrüder zu Gemeindemissionen oder Exerzitien aufbrachen, baten sie ihn um sein Gebet, auch immer mehr Menschen aus dem Ruhrgebiet wandten sich in ihren Nöten an ihn. Für Jordan Mai war es ein schwerer Schock, als in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 1922 in die Kirche eingebrochen und das Allerheiligste mit dem Tabernakel gestohlen wurde. Zur Sühne bot er Gott sein Leben an und vier Wochen später starb  er am 20. Februar 1922.
Jordan Mai wurde zunächst auf dem Ostenfriedhof neben dem Kloster unter großer Beteiligung der Gläubigen beigesetzt. Mit Blumen und Kerzen kamen die Menschen zu seinem Grab und nahmen sogar die Erde nach Hause mit, so dass die Brüder die Grabstätte mit einem Gitter umgeben mussten. Unzählige Briefe gingen im Kloster ein, die für Bruder Jordans Fürbitte dankten. 1950 wurden seine Gebeine in die Kloster- und Pfarrkirche übertragen. Achtzigtausend Gebetserhörungen sind in acht Jahrzehnten bisher mitgeteilt worden. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg kamen Tausende zu den Gottesdiensten und den regelmäßigen Gebetstagen und auch heute noch sind immer wieder Beter an seinem Grab zu finden.
Wenn man miteinander befreundet ist, liebe Leserinnen und Leser, denkt man aneinander und wünscht, dass es dem anderen gut geht, ganz ähnlich ist es mit dem Beten auch. Heilige sind wie Freunde an unserer Seite. Jordan Mai ist einer von ihnen.

 

Sonntag, 16. Februar 2014

Der Verlust der "Sprache des Goldes"

Auf die Beiträge zu den Überlegungen des ehem. Salzburger Dogmatikers Gottfried Bachl müssen wir noch einmal zurückkommen. Ich hatte vom "bleiernen Diktat der Pastoral" geschrieben. Damit ist eine Pastoral gemeint, die den Menschen nichts mehr zumutet, weil sie sonst ja unbequem sein könnte und die Menschen an ihrem innerkirchlichen Wohlbefinden hindert. Der Fehler liegt darin, dass hier "Wohlbefinden" mit "Selbstverwirklichung" oder besser "Selbstwerdung" gleichgesetzt wird. Es darf nichts mehr weh tun. Somit bleibt eine solche Pastoral flach und horizontal. Dass uns in der Verkündigung die Vertikale, also die Eschatologie, verloren gegangen ist, stellt schon ein unverdächtiger Beobachter wie Michael N. Ebertz fest.
Und damit geht uns auch die religiöse Sprache verloren, das was Bachl "Sprache des Goldes" oder "Sprache der Maßlosigkeit" nennt. Wir können nicht mehr vom Himmel reden, so hat es auch Thomas Ruster formuliert, deshalb haben wir der Welt auch nichts mehr zu sagen!
Wenn die "Eschatologiekompetenz", wie ich sie genannt habe, verloren geht, wird vieles nicht mehr einsichtig. Im Zusammenhang mit der kirchlichen Sexualmoral hat neulich ein Freund geschrieben, dass die Kirche kein Kommunikations-, sondern ein Plausibilitätsproblem hat. Und es stimmt: Ohne den Blick "nach oben", ohne die Perspektive der Ewigkeit, ist vieles nicht nur nicht mehr kommunikabel, sondern auch nicht mehr plausibel: Wie soll ich z.B. das Evangelium des heutigen Sonntags verstehen, wenn nicht aus eschatologischer Perspektive? Wenn ich das nicht tue, bleibt es bei dem unangenehmen Geschmack sinnloser Gesetzesverschärfung oder fader Institutionenkritik, abgemildert durch den sorgenvollen Predigerhinweis, dass es entweder alles nicht so gemeint, oder eher für die anderen bestimmt sei. Das trifft wohl nicht den Punkt, denn dieses Evangelium erweist sich doch als wahrlich "frohe Botschaft" erst aus der Reich-Gottes-Perspektive.


Das Sakrament schützt uns ja, Bachl folgend, vor Verflüchtigung und Unterhaltung und bewahrt somit die vertikale, also eschatologische Perspektive. Was passiert aber nun, wenn die sakramentale Handlung äußerlich in irgendeiner Form zwar bleibt, die Eschatologie aber verloren geht? Unsere Eucharistiefeiern verkommen zu katechetischen Wellnessveranstaltungen, in Taufen wird nur noch "in die Gemeinschaft" aufgenommen, Firmungen funktionieren als pubertär-pastorale Durchlauferhitzer, die Beichte wird zum helfenden Gespräch, die Priesterweihe zur gemeindlich genehmigten Beauftragung, die Ehe zum Segen auf Zeit und die Krankensalbung zur palliativen Aromatherapie.
Es gilt, wieder zur Sakramentalität zu finden. Das bedeutet nicht unbedingt, das wäre ein Missverständnis, man müsse damit einfach nur zu alten Formen zurückkehren. Ohne Inhalt bleiben auch sie nur Form, auch wenn sie häufig das Sakrale besser abbilden als manche heutige Entwicklung. Nein, zur Sakramentalität zurückzufinden bedeutet mehr: Es ist zunächst ein innerer, spiritueller Prozess aller Beteiligten. Ein Prozess der eigenen Zurücknahme, des Hörens, des Gott wirken lassens, der Einsicht in die Vorläufigkeit des eigenen Tuns.
Dem wollen wir hier zukünftig etwas nachgehen, ich bin gespannt, was sich entwickelt.

Angst und Hass

Wir müssen noch einmal auf den letzten, durchaus ironisch gemeinten Beitrag zum Thema Phobie zurückkommen. Der ernste Hintergrund ist, dass die auch in dem Artikel aus dem psychologischen Lexikon als Angst und somit als passive, zu erleidende beschriebene Situation der Phobie, in aktiven Hass umschlagen kann. Das ist wohl auch eher im öffentlichen Diskurs gemeint, wenn es um "Phobie" geht. Allerdings gilt hier auch, dass Differenzierung nicht jedermanns Sache (und Willen) ist, das gilt für alle Seiten.
Dass Angst vor dem (Un-)bekannten in Hass auf das (Un-)bekannte umschlagen kann, könnte ein Erklärungsschlüssel für so manche Entwicklung sein. So könnte man die im letzten Beitrag genannten Konfliktfelder noch einmal in einem anderen Licht sehen. Rein kirchenintern nehme ich noch Hierarchie, Latein und die Zeit vor dem Konzil hinzu.

"Ey, ich phob Deine Mutter!"

Phobien liegen ja im Moment voll im Trend: Homo- oder Heterosexuelle, Christen, Katholiken, Muslime, Ausländer, Frauen, Familien, kurz gesagt: Gegen alles was nicht ganz so ist wie ich kann ich Phobien entwickeln. Wie kleingeistig. Oder man kann mir eine Phobie unterstellen und dann darf nicht weiter diskutiert werden. Wie praktisch. Oder man meint, sich mit einer "wahrscheinlichen Phobie" schmücken zu müssen. Wie dämlich.
Eine schöne neue Phobie kommt auch mal wieder von "IHM": "Hierarchophobie", anders kann ich mir die allsonntäglichen Auslassungen über "die da oben" nicht erklären.

Wobei "Phobien entwickeln" und "Phobien unterstellen" viel zu kompliziert ist. Hier wird es Zeit für eine Wortneuschöpfung, mein Vorschlag ist "phoben", und wer "phobt" ist ein "Phober". Natürlich kann man auch "gephobt" werden. Der ganze Vorgang heißt dann "Phoben". Das macht doch vieles einfacher: Das in der Überschrift schon genannte "Ey, ich phob Deine Mutter!" z.B. ist doch viel schneller und direkter als "Ich habe eine Matriarchophobie entwickelt!". Naja, vielleicht gibt's das ja auch alles schon.

Trotzdem, irgendetwas bleibt komisch: Mein Psychologielexikon erklärt "Phobie" als "eine abnorme Furcht, die entweder vor einem Objekt oder einer Situation besteht, die allgemein nicht für angstauslösend gehalten wird, z.B. vor Fahrstühlen, Haustieren usw., oder abnorm intensiv ist vor einem Objekt oder einer Situation, die auch im Normalfall einen gewissen Grad von Furcht auslösen, z.B. Operationen, Zahnbehandlung usw.".


Haustiere. Kann ich nachvollziehen, wenn das hier das letzte ist, was Du als Maus in Deinem Leben noch verschwommen siehst. Dennoch ist das doch etwas anderes als das was gerade so als "Phobie" durch die öffentliche Meinung geht. Aber vielleicht ist ja auch das Lexikon phobophob...

Allen Leserinnen und Lesern einen angstfreien Sonntag!

Samstag, 15. Februar 2014

Der Verlust der "Eschatologiekompetenz"

Aus dem letzten Beitrag behalten wir die Formulierung, dass „der Traum von den tränenlosen Gesichtern der Schöpfung nur in der Sprache der Maßlosigkeit erzählt werden kann.“ Kurz davor beschreibt Gottfried Bachl, der ehemalige Salzburger Dogmatiker, die Spannung zwischen dem historischen Ereignis und der heutigen Vergegenwärtigung anhand der „Alexanderschlacht“ von Albrecht Altdorfer:


„Kein blutiger Kampf findet statt, sondern das Bild-Ding eines blutigen Kampfes ist zu sehen, über dessen Sinn sich vielleicht die Experten Auslegungsgefechte liefern. Das Blutige wird unblutig vergegenwärtigt. Das Schlachtbild ist so weit vom Ereignis entfernt wie Kelch und Hostienschale von der Hinrichtung Jesu. Die Gestalt ist verschwunden, der aufgehängte Mann wird repräsentiert von Brot und Wein. Die Szene damals: Hinrichtungsplatz, Kreuze, Knochen, Dohlen, Publikum, Todesstimmung. Die Szene jetzt: Kirchenraum, Altar, Feierlichkeit, Schweigen, Sauberkeit, Leben. Damals das bestimmte, einmalige Geschehen, jetzt der vielfältig bewegliche, reproduzierbare Ritus. Wie viel Wirklichkeit kommt über den Abgrund der Zeit? Es ist unmöglich, auf Dauer in der Aufregung des Aktions- Augenblicks zu bleiben. Allzu schnell wird die Wahrnehmung aus dem Geschichtsbrennpunkt fortgerissen. Wenig später ist das härteste Faktum wie nicht, sofort muss enorme Archäologie getrieben werden, um es zu erkennen und festzuhalten. Flüchtig ist die Erkenntniskraft, schnell ermüdet die Bewahrungszähigkeit. Alle Vergegenwärtigung mündet unvermeidlich irgendwann in Unterhaltung. Die ärgsten Fakten werden Gegenstand genießenden Konsums. Dazu gehört die leichte Wiederholbarkeit des Entsetzlichen, in großer Dichtung wie im trivialen Tratsch, das Schönwerden des Furchtbaren im raumzeitlichen Abstand.“
Um den Gefahren der Verflüchtigung und der Unterhaltung zu entgehen, verweist Bachl schließlich auf das Sakrament: „Das Vergangene wird auf das Kommende gewendet, das Gewesene mit der Zukunft verbunden.“ Im letzten Beitrag können wir es weiter verfolgen.

Für die konkrete Feier der Eucharistie hat das weitreichende Konsequenzen. Ich frage hier nur: Ist in der Feier unserer Gottesdienst erkennbar, dass sie wirklich eschatologisch-sakramentale Handlungen sind? Sind sie nicht häufig durch ihre ganzen „Themen“ und „Gestaltungselemente“, durch das hilflose katechetisch-pädagogische Zerreden und durch das vermeintlich gut gemeinte Eindringen bürgerlich-gesellschaftlicher Höflichkeitsformeln und –floskeln trivial-tratschige Unterhaltung geworden?
Ich glaube, dass man diese Fragen nicht allein unter dem bleiernen Diktat der Pastoral beantworten darf. Dazu sind sie für den Kern des Glaubens zu entscheidend. Meine Sorge ist, dass die „Eschatologiekompetenz“ unseres Glaubens immer mehr verloren geht. Anzeichen für diese Entwicklung gibt es in unserer Kirche genug. Leider.

Die Sprache der Maßlosigkeit

„Der Glaube stößt durch das Netzwerk der Zeichen, weil er das hiesige Leben auf das Leben des auferstandenen Christus bezieht. Dafür steht das Sakrament, in dem jetzt das Du spricht und angesprochen wird, über alle Zeiten und allen Raum hinweg. Daher dreht sich um diese Achse auch alles, was es an Symbolen, an Bildern und Chiffren gibt. Das Vergangene wird auf das Kommende gewendet, das Gewesene mit der Zukunft verbunden. Was sich im Rückblick wie verschönernde Reduktion ausnimmt, wie die Spur einer Flucht vor dem realen Gewicht der Welt, das ist im Blick voraus der Hinweis auf kommendes Leben, in dem nichts verloren sein, sondern alles heimgebracht wird in das Neue, noch nicht Dagewesene.
 
Daher kommt es wohl, dass auch in armen Kirchen immer wieder die Sprache des Goldes aufblitzt. Es leuchtet in alle Richtungen, aber da Licht soll mehr sein als Beschwichtigung, nämlich ein Signal für die Aussicht, die Paulus in waghalsigen Sätzen behauptet hat. ‚Ich bin überzeigt‘, schreibt er im Römerbrief, ‚dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.‘ (Röm 8,18) Oder an die Korinther gewendet: ‚Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken.‘ (2 Kor 4,17-18) In theologischen Büchern begegnet man immer wieder der Sorge, dass der Tod nicht in der Auferstehung verschwindet, dass nichts herrlich überflutet wird, der Trost der Heilung nicht zu mächtig gerät. Aber genau diese Befürchtung scheint Paulus nicht gehabt zu haben, er hat sie jedenfalls nicht gepflegt und gewärmt wie einen lieben Gedanken. Der Nebel der Betrübnis wird nicht ewig durch das Gemüt ziehen, sagt er seinen Gemeinden, gegen eine verbissene Stimmung, die sich weigert, die Kosten des Unternehmens zu vergessen. Im gebrochenen Stil des Apostels nachgesagt: Das tolle Übergewicht der Zukunft trägt die Hoffnung – am Ziel der Liebe ist es plötzlich gleichgültig geworden, wie man dahin gelangt ist – der Traum von den tränenlosen Gesichtern der Schöpfung kann nur in der Sprache der Maßlosigkeit erzählt werden.“
Gottfried Bacherl: Eucharistie – Macht und Lust des Verzehrens, St. Ottilien 2008, 182f.

Sonntag, 9. Februar 2014

Das böse Recht und das gute Evangelium

Heute wurden wieder einmal das einengende Kirchenrecht und die Freiheit des Evangeliums gegeneinander ausgespielt. Bei oberflächlichem Denken (mehr können und wollen ja auch viele nicht) findet man natürlich schnell eine applaudierende Mehrheit.
Ich habe mir daraufhin noch einmal das nicht mehr ganz neue Buch "Kirchliches Recht und Pastoral" von Libero Gerosa von 1991 hervorgeholt. Darin weist der sicher nicht Konservativismus-verdächtige Kirchenrechtler überzeugend nach, dass Kirchenrecht und Pastoral zwei Seiten einer komplexen Wirklichkeit sind, nämlich der "communio" der Kirche. Und wer Kirchenrecht und Pastoral gegeneinander ausspiele, habe letztendlich einen protestantisch-spiritualisierten Kirchenbegriff und eine verengte Pastoraltheologie die beides nichts mit dem II. Vatikanum zu tun haben, oder eine ambivalente Erfahrung des allgemeinen Rechts.
Ich bin der Überzeugung, dass gerade wir als Laien das Kirchenrecht notwendig brauchen, schützt es uns doch vor der Willkür der geweihten Amtsträger. Wie notwendig es gerade im Bereich der Liturgie ist, erleben wir Sonntag für Sonntag. Aber was nützt einem das Recht, wenn es niemand durchsetzt?

Samstag, 8. Februar 2014

Die großen Ideen Gottes im Heute: Zwei Interviews mit Peter Schallenberg

Ein interessantes Interview mit dem Paderborner Moraltheologen und Direktor der Kath. Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Prof. Msgr. Dr. Peter Schallenberg, zu den Äußerungen von Bischof Ackermann im Domradio:

http://www.domradio.de/themen/seelsorge/2014-02-07/moraltheologe-kirche-will-eine-menschenwuerdige-sexualitaet-lehren

Vielleicht können solche ausgewogenen Stellungnahmen etwas die Hitze aus der Debatte nehmen. Das Thema ist zu wichtig, als dass es wieder in den üblichen innerkirchlichen Lagerkämpfen verschlissen wird.

Und wo wir gerade dabei sind, noch einmal Peter Schallenberg zum Fall Alice Schwarzer:

http://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-berichte/themen/Jeder-ueberpruefe-zuerst-einmal-sich-selbst;art2825,5123794

Allen Leserinnen und Lesern ein schönes Wochenende!

Mittwoch, 5. Februar 2014

St. Kamillentee richtet sich aus!

Da schlägt man morgens die Zeitung auf und entdeckt ein Foto des neuen Gesamtpfarrgemeinderates von St. Kamillentee: 11 Damen und Herren halten mit teils verklärtem Lächeln insgesamt 2 hellblaue, 1 dunkelgelben, 3 rote, 1 dunkelblauen, 1 zitronengelben und 3 orange Luftballons in den Händen. Aha, denkt sich da der methodisch trainierte Betrachter, da hat sich gruppendynamisch etwas ereignet!
Und so ist es auch: Man richtete sich bei einem Klausurtag für neue Projekte aus! Zuerst allerdings diskutierte man lebendig die eigenen Visionen und Erwartungen an die Kirche vor Ort. (Beim Pastoralbingo ist das die Karte: "Kirche sollte / Kirche muss") Ja, der "frische Wind, der momentan auch in Rom bläst" sei sogar "in der Gruppe der gewählten und berufenen Gemeindemitglieder zu spüren." Na wenn das mal kein Orkan wird. Und das kleine Wortspiel kann ich mir jetzt nicht verkneifen: Nicht alle Berufenen sind gewählt, aber hoffentlich sind alle Gewählten auch berufen...
Jedenfalls gab es dann noch einen Ausblick auf die bunte und lebendige Vielfalt im Gemeindeleben (vermutlich ein kurzer TOP), ein Schreibgespräch, und dann noch die Beschriftung der Luftballons mit Kernaussagen. Die hat man dann aber nicht fliegen gelassen, sondern in den Gottesdiensten des Wochenendes präsentiert. Wobei ich selbst im liturgiereformierten Ritus das Element "Präsentation" nicht finden kann.  
"Insgesamt war am Abend des Veranstaltungstages ein positives, motivierendes Ergebnis in den Gesichtern der Teilnehmer abzulesen." Ich dachte, die Ergebnisse wären auf den Ballons, vielleicht war man ja auch nur froh, dass der Tag rum war. Was jetzt die Ergebnisse und Projekte genau sind, geht aus dem Artikel nicht hervor.
Ich will jetzt nicht weiter lästern, ich hätte mich ja auch wählen lassen können (der Aufruf zur PGR-Wahl vom letzten November steht ja auch immer noch auf der Homepage) und alles anders machen können. Hab ich aber nicht, ich weiß. Aber irgendwie bleibt bei Berichten über solche Veranstaltungen immer ein ganz komisches Gefühl zurück.

Samstag, 1. Februar 2014

Lichtmess: Gedanken zum "Nunc dimittis"

Als die Eltern Jesus in den Tempel brachten, das feiern wir am Lichtmesstag, nahm es Simeon auf seine Arme und pries Gott mit den Worten: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast. Ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“
 
  
Dieses biblische Gebet ist auch seit über 1000 Jahren fester Bestandteil der „Komplet“, des kirchlichen Nachtgebetes. Mir ist dieses Gebet als abendliche Tagesmeditation sehr ans Herz gewachsen: „Herr und Knecht“ – Wer möchte schon gerne Knecht sein? Aber es geht hier nicht um Unterdrückung und Ausbeutung, sondern darum, Gott als „Herrn“ zu haben, also nicht alles selbst machen, leisten und verantworten zu müssen, nicht perfekt sein zu müssen, sondern alles Unvollkommene und Bruchstückhafte meines Tages meinem Herrn in die Hände zu legen, im Vertrauen darauf, dass er alles zum Guten führen wird. „In Frieden scheiden“ – Den Tag mit mir und meiner Welt im Frieden zuende bringen, nicht mit belastenden Konflikten in die Nacht zu gehen, ohne Frieden keine Ruhe! „Das Licht sehen, das mich erleuchtet“ – Zu wissen, dass keine Nacht endlos, kein Dunkel unerhellbar ist, zu wissen, dass das Licht Gottes immer stärker ist als die Finsternis. „Herrlichkeit für dein Volk“ – Die Perspektive meines Lebens und dieser Welt ist nicht Scheitern oder Untergang, sondern Herrlichkeit. Und das nicht nur am Ende der Zeiten, sondern schon jetzt: Zu schauen, welche Spuren von Herrlichkeit habe ich an diesem Tag entdecken können, aufmerksam und empfindlich zu werden für das Gute in meinem Leben und in meinem Alltag. Am Schluß steht die Doxologie, der Lobpreis der göttlichen Dreifaltigkeit des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Gott ist da. Gott handelt. Und ich kann darauf vertrauen, dass er es gut mit mir meint.
"Sei unser Heil, o Herr, derweil wir wachen, behüte uns, da wir schlafen, auf dass wir wachen mit Christus und ruhen in Frieden."