Mittwoch, 15. April 2015

In der Vergangenheit wühlen oder: Der Fluch des Konjunktivs

Neulich habe ich mit drei alten Freunden fast einen ganzen Abend damit verbracht herauszubekommen, ob wir beim Pfadfinderzeltlager 1985 im Sauerland auch mit dem Fahrrad wieder heimwärts gefahren sind oder nicht doch eher mit der Bahn. Wenn man dabei gesellig zusammen sitzt, kann so ein Wühlen in der Vergangenheit ganz lustig sein, weil einem dabei noch ganz viele andere Begebenheiten einfallen, die man dann wie Puzzleteile zusammenfügt bis sich ein Gesamtbild ergibt. Wir sind jedenfalls auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen und mussten am nächsten Tag noch mehrere andere Leute zu Rate ziehen bis sich das Rätsel gelöst hatte. Trotzdem war der Erkenntnisgewinn, dass wir sowohl per Fahrrad als auch per Bahn gefahren sind, letztlich fürs heutige Leben doch eher gering.
 
„Hätte ich doch damals dies oder jenes getan oder gelassen, würde es mir heute besser gehen!“ – Diesen Satz, liebe Leserinnen und Leser, hören wir recht häufig und sind auch selbst davon nicht ganz frei. Wie gerne möchte man manchmal wie früher als Kind bei der Zaubertafel mit einem Ratsch alles auswischen und noch einmal ganz neu beginnen. Verständlich ist dieser Wunsch natürlich, nur wird er sich nicht erfüllen.
Und das ist es, was ich den „Fluch des Konjunktivs“ nenne: Alles „hätte“, „würde“, „könnte“ bringt mich nicht nach vorne, sondern lässt mich an der Vergangenheit kleben wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle das mir das Fortkommen erschwert. Eine der größten Lebensaufgaben ist wohl die „Annahme meiner selbst“ wie Romano Guardini es formuliert, also mich selbst mit meinen Macken und Fehlern, auch denen der Vergangenheit, zu akzeptieren und daraus die gestalterische Kraft für meine Zukunft zu gewinnen, oftmals mühsam wie die alte Steintreppe auf dem Bild.  
Die Osterzeit scheint mir dazu aber eine gute Gelegenheit zu sein: Ostern ist das Fest, an dem Leiden, Tod und Grab zurückgelassen werden und der Aufbruch zu Neuem geschieht. Wenn Sie dabei biblische Unterstützung brauchen, liebe Leserinnen und Leser, kann ich Ihnen in diesen Tagen die Lektüre der Apostelgeschichte sehr ans Herz legen. Das was Lukas dort beschreibt, ist im Grunde eine einzige Aufbruchsgeschichte.
Dass jedem von uns in dieser Osterzeit ein wenig Zurücklassen und Aufbrechen gelingt, möchte ich uns sehr wünschen!

1 Kommentar:

  1. „Der Fluch des Konjunktivs“ ist auch ein guter Ausdruck. Ein von mir sehr geschätzter Kirchengeschichtler drückte es, wenn so eine Frage nach dem "was wäre wohl heute, wenn damals…getan hätte?" gestellt wurde, so aus: „Geschichte passiert nicht im Konjunktiv!“

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