Sonntag, 18. Oktober 2015

18. Oktober: "Haben Sie eine Bibel?"

„Haben Sie eine Bibel? – Lesen Sie auch darin?“ Diese Frage wird einem meist von eifrigen Sektenmitgliedern samstags morgens an der Haustür gestellt und es kostet etwas Mühe diese armen Menschen einigermaßen höflich wieder los zu werden. Aber abgesehen von diesen angstbesetzten Missionsversuchen stellt sich schon die Frage, zumal heute am Tag des Evangelisten Lukas, inwieweit denn die Bibel in meinem Leben eine Rolle spielt.
Ich glaube, dass man zwei Missverständnissen erliegen kann: Das erste ist, die Bibel als mehr oder weniger gelungene Ansammlung von Märchengeschichten aus alter Zeit abzutun. Das zweite Missverständnis ist zu meinen, mit der Bibel ließen sich alle Probleme lösen, so wie es häufig evangelikal-biblizistische Gruppen oder die Koranverteiler von ihrem heiligen Buch meinen. Beides wird der Bibel nicht gerecht: In der Bibel erzählen Menschen ihre Erfahrungen mit Gott und tun dies häufig in Bildern und Geschichten. Und deshalb sind die Geschichten in der Bibel wahr, weil die Erfahrungen der Menschen wahr sind. Gleichzeitig hilft Gott den Menschen, diese Erfahrungen erzählen zu können, das nennt man dann „Inspiration“ und das macht die Bibel zum „heiligen Buch“. Aber ganz anders als es die Fundamentalisten befürchten, nimmt es der Bibel nichts an Heiligkeit, wenn man sie redaktionell und literaturwissenschaftlich untersucht. Insofern ist das Christentum eben auch keine „Buchreligion“, denn es gilt „Das Wort ist Fleisch geworden“ und nicht „Buch“. Und deshalb ist es auch nicht schlimm, wenn die Bibel eben nicht auf alle Fragen eine Antwort hat, oder auch manche Antwortversuche zeitbedingt und widersprüchlich sind. Trotzdem lohnt es sich, sein Leben an ihr auszurichten, denn, auch wenn die Offenbarung im strengen Sinne abgeschlossen ist, so geht doch die Geschichte Gottes mit den Menschen täglich weiter. Die Geschichte eines jeden von uns mit Gott.

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